Juni ist es und doch hängt dichter Nebel in der Stadt, als wollte der Herbst anklopfen.
Ich spüre, wie sich die winzigen Tröpfchen auf meinem erhitzten Gesicht sammeln, ehe sie sich auflösen. Verschwinden, als wären sie nie dagewesen, aufgesogen von meiner Haut.
Ich lausche auf mein pochendes Herz, während ich mich bemühe möglichst unauffällig auszusehen. Um meinen Hals hängt eine große Kamera und ein Brustbeutel mit einem Reisepass, der mich als Jolante Paderborner ausweist.
Jolante. Ich hasse diesen Namen und Marek weiß das nur zu gut. Ein kleiner persönlicher Seitenhieb gegen mich, aber gut, den kleinen Triumph gönne ich ihm. Zu oft schon hat er mir aus der Patsche geholfen, wenn ich auf einer Mission festsaß.
Ich ziehe mir den senfgelben Fischerhut noch ein wenig tiefer ins Gesicht und muss schmunzeln, als ich meine Spiegelung in der großen Scheibe einer Gelateria sehe. Das Team hat ganze Arbeit geleistet. Ich sehe aus wie die Gussform eine Kreuzfahrt-Touristin.
Dumm nur, dass es bestimmt noch zwei Stunden dauert, bis die ersten Touris in Venedig einfallen. Und bis dahin habe ich das ungute Gefühl, lässt mich meine Tarnung zwischen der barocken und byzantinischen Architektur und den adrett gekleideten Venezianern hervorleuchten wie einen Leuchtturm in finsterer Nacht.
Ich atme noch einmal tief durch und trete dann aus dem Schatten hervor auf die offene Piazza. Kaum habe ich mein lauschiges Plätzchen verlassen, stürmt auch schon ein aufdringlicher Verkäufer auf mich zu und preist mir die furchtbar kitschigen Souvenirs aus seinem Bauchladen an. Zwar versperrt er mir jetzt die Sicht auf mein Zielobjekt, aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht, wenn ich mich danach näher heranpirschen kann. Ich täusche Interesse an einer echt handgefertigten goldenen Gondel vor, auf deren Unterseite stolz ein „Made in China“ Sticker prangt, als wäre es ein Qualitätsmerkmal.
Alfredo sitzt noch immer in aller Seelenruhe an dem kleinen Mosaiktischchen, trinkt seinen Cappuccino und liest in der heutigen Ausgabe der Corriere della Sera, während zwei muskelbepackte Bodyguards gelangweilt an einer der pittoresken Laternen lehnen. Ach, ich kann nur hoffen, dass der Einsatz früher gelingt als geplant und ich noch ein paar Tage Zeit habe, um die Stadt zu genießen. Die Architektur ist einfach ein Traum und nirgendwo bekommt man besseren Espresso als hier.
„Kostääh nur funfsig Äuro“, redet der Souvenirverkäufer auf mich ein. Sein schlecht einstudierter italienischer Akzent ist noch mieser als meine Tarnung. Der sollte sich dringend mal beraten lassen.
„Nein, ich will doch nicht!“, versuche ich ihn hektisch zu vertreiben, als plötzlich Bewegung in die Gruppe kommt.
„Füre soo schöne bella ragazza koste nur viertsisch!“ Dieser lästige Pseudo-Italiener versperrt mir nicht nur den Weg, er drängt mich auch weg vom Geschehen Richtung Wasser.
„Mi lasci in pace!“, fluche ich und der fragende Blick bestätigt meinen Verdacht. Von wegen Italiener!
Verdammt! Gerade kommt eine umwerfend aussehende Brünette auf Alfredo zu, lächelt und reicht im fast beiläufig einen hellgrauen Umschlag. Das muss die mysteriöse Donna Kascinski sein, von der wir zwar schon viel gehört, bisher aber noch kein Bild hatten.
„Wolle jetzt kaufen, Gondola!“
„Verpissen Sie sich!“, raunze ich den Mann an und will ihn wegschieben, als ich plötzlich etwas Kaltes unter meiner Brust spüre.
„Verflucht, was …?“, presse ich hervor und eine warme Flüssigkeit läuft meinen Bauch herunter.
Aus kalten eisgrauen Augen blickt der Verkäufer mich ausdruckslos an, eher er grinst. „Sie hätten die scheiß Gondel einfach kaufen sollen.“
Kurz bevor ich ins Wasser eintauche, habe ich noch einen letzten Gedanken: Hoffentlich wird auf meinem Grabstein nicht Jolante stehen …


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