Zeitreise mit Stern

Das humorvolle Essay Zeitreise mit Stern von der Wiener Autorin Zesá
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Letzte Woche sauste ich in einer Pagode durch den sommerlichen Taunus. Für alle nicht Autoliebhaber: Ich fuhr nicht in einem mehrgeschossigen Bauwerk asiatischen Ursprungs, sondern in einem 1969er Mercedes SL, der seinen Spitznamen der Form seines abnehmbaren Hardtops verdankt.

Das Wetter war traumhaft, ich spürte den Wind trotz des umgeschlungenen Kopftuchs in meinen Haaren und fühlte mich wie auf einer Zeitreise. Überall blitzten und blinkten verchromte Teile, die in eine wunderschöne Holzverzierung eingearbeitet waren. Das Cognac-Braun der Ledersitze war farblich auf den Schlingenteppich abgestimmt und das Becker-Radio fand seine Frequenz noch über kleine Drehknöpfe.

Die Außenspiegel stellte ich manuell ein, indem ich das Fenster runterkurbelte und die Spiegel dann in die gewünschte Position drehte. Es gab weder eine Bluetooth-Verbindung für das Abspielen von Spotify noch eine Einparkhilfe oder gar ein eingebautes Navigationssystem. Dafür leuchtete beim Öffnen des Handschuhfachs eine kleine Lampe auf, die es meinem Beifahrer auch bei Nachtfahrten ermöglicht hätte, die Karte zu lesen.

Dieses Auto war kein Produkt, es war ein Gegenüber, ein echter Typ mit Charakter. Einer, der mehr erlebt hatte als viele Menschen. Er war bei weitem nicht perfekt, dafür hatten über fünfzig Jahre auf der Straße ihre Spuren hinterlassen und vor allem hatte er auch seine Eigenheiten. Bei jeder größeren Bodenschwelle, die ich überfuhr, klappte die Sonnenblende nach hinten und touchierte leicht meine Stirn. Dafür entschädigte er mich bei jedem Anfahren mit einem so sonoren, warmen und satten Brummen, das bei modernen Autos längst verloren gegangen ist.

In der polierten Motorhaube spiegelten sich die Sonnenstrahlen und immer wieder winkten mir Menschen zu, die mich vorbeifahren sahen. Genaugenommen winkten sie wohl eher der Pagode als mir, aber ich freute mich, dass das Auto den Leuten ein Lächeln ins Gesicht zauberte.

Wann eigentlich hatte Design so viel Seele verloren, überlegte ich, während ich zum Klang von Bonnie Tylers Stimme durch ein schattiges Waldstück fuhr.

Alles ist in einer gewissen Art gleichförmig geworden. Manchmal scheint mir, als seien Schönheit und Liebe zum Detail einer unerbittlichen Effizienz gewichen. Serifen bei der Typografie? Braucht es nicht mehr. Verzierungen, Mosaike und Stuck am Haus? Kostet nur Geld, sparen wir uns. Hochwertiges Material bei der Ausstattung eines Autos verwenden? Kunststoff tut es doch auch.

Dabei kann ich modernem Design durchaus etwas abgewinnen. Große Fensterflächen begeistern mich genauso wie Möbel von Vitra oder die Schrift Avenir. Aber es ist ein fühlbarer Unterschied zwischen reduziert und modern und einem massentauglichen, emotionslosen Einheitslook, der zu einer langweiligen grauen Masse verkommt.

Von Langeweile und Grau war die Pagode jedenfalls weit entfernt. Es war, als würde sie mir von all ihren Erlebnissen berichten. Welche Menschen in ihr gefahren waren, was sie dabei anhatten und wie stolz der erste Besitzer gewesen sein musste, als er sich mit ihr einen langgehegten Wunsch erfüllt hatte. Die Pagode war ein Lebensgefühl, eine Erinnerung daran, dass Schönheit einmal selbstverständlich war.

Ich jedenfalls freue mich schon auf die nächste Zeitreise und nehme mir vor, wieder mehr Schönheit in mein Leben einzuladen – auch wenn es für den ein oder anderen wirken wird, als wäre ich im falschen Jahrzehnt unterwegs.

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