„Lieben heißt, dass zwei Seelen eine Heimat füreinander sind.“
— Novalis
In der Martinstraße sind die beiden in die Linie 41 eingestiegen und der erste Blick, den ich auf sie warf, hat mein Herz gewärmt. Eddy stieg zuerst ein, hielt sich am Haltegriff neben der Tür fest und reichte Mira die Hand, um ihr beim Einsteigen zu helfen.
Geholfen hatte er ihr schon immer gerne. Vielleicht lag es daran, dass sie sich kennengelernt hatten, als Eddy ihr beim Tragen der schweren Körbe voller Kochbananen half, die sie auf dem Markt verkaufen wollte. Über 40 Jahre war das her und bald darauf hatten sie ihre Heimat verlassen. Gemeinsam. Hand in Hand, weil sie dem kleinen Pedro, der damals schon auf dem Weg war, ein besseres Leben bieten wollten.
Schwer atmete Mira, als sie einstieg und schnell stand ich auf und bot ihr meinen Platz an. Zaghaft schüttelte sie den Kopf und hielt sich an Eddy fest, der standhaft versuchte, in der anfahrenden Bim die Balance zu halten. „Bitte, setzen Sie sich doch“, forderte ich sie mit einem Lächeln auf und Eddy nickte mir dankbar zu. Aufmunternd deutete er seiner Frau sich zu setzen. Als Mira saß, strich sie sofort ihren knielangen Rock gerade und richtete den Kragen der Bluse, als hätte sie Sorge, dem angebotenen Platz nicht würdig zu sein. Auch Eddy trug seinen besten Anzug und kaum hatte Mira sich gesetzt, stellte er sich neben sie und legte ihr schützend die Hand auf die Schulter. Er warf ihr einen liebevollen Blick zu und erst jetzt fiel mir der große Umschlag auf, den er trug. Radiologie stand groß darauf und nun verstand ich besser, warum er in so großer Sorge um seine Frau war. Immer schon hatte Mira Probleme mit ihrer Lunge gehabt, aber in den letzten Monaten war es schlimmer und schlimmer geworden. Manchmal wachte sie nachts auf und hustete so sehr, dass Eddy Angst hatte, sie würde ersticken.
Allein die Vorstellung, dass seiner Frau etwas zustoßen konnte, ließ sein Herz so schwer werden, dass er glaubte, selbst ersticken zu müssen. Seine geliebte Mira, die Mutter ihrer drei Kinder und die Liebe seines Lebens.
Der Arzt hatte ihn beruhigt, gesagt, es sei alles gar nicht so schlimm, er müsse nur darauf achten, dass Mira genug frische Luft bekam und das Allerbeste für sie wäre es, am Meer zu leben. Das Salz und das Wasser würden ihr das Atmen leichter machen. So hatte Eddy es jedenfalls verstanden, aber sicher war er sich nicht. Selbst nach all diesen Jahren bereitete ihm die Sprache manchmal noch Probleme, und Ärzte nutzten oft seltsame Worte.
Nachdenklich schaute er seine Mira an. In all den Jahren hatten sie hart gearbeitet, ein bescheidenes und ehrliches Leben geführt und irgendwann waren sie, ohne es zu merken, hier angekommen. Wie würde es sein, nach all dieser Zeit wieder nach Venezuela zurückzukehren? Die Kinder waren groß und lebten ihr eigenes Leben. Eddy und Mira hatten eine kleine Summe gespart, könnten sich ein kleines Häuschen zulegen und müssten sich nicht sorgen. Es würde ihnen gutgehen und doch würden sie Fremde sein in der Heimat.
Mira hustete und es klang so gequält, dass sich auch mir beim Zuhören das Herz zusammenzog. Eddys Entschluss stand fest. Sie würden wieder nach Hause gehen. Und auch wenn sie Fremde wären, solange er Mira an seiner Seite hatte, wäre er überall zuhause.


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