Als meine Niere „Hallo“ sagte

Das persönliche Essay Als meine Niere Hallo sagte von der Wiener Autorin Zesá
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So schnell kann’s gehen. Gestern noch bin ich munter durch Wien getanzt und heute liege ich in einem sterilen Zimmer, das wenig erfolgreich versucht, mit Blumenbildern und grüner Wandfarbe gegen die Tristesse anzukommen. In meiner Armbeuge steckt eine Nadel und der daran angeschlossene Tropf versorgt mich mit Schmerzmitteln, Elektrolyten, Antibiotikum und anderen Leckereien.

Nachdenklich starre ich an die Decke und versuche, so gut es geht, die kalte Flüssigkeit zu ignorieren, die langsam in mich hineinfließt. Warum auch musste ich auf die Idee kommen, gestern Nacht hier einzuchecken? So voll mit Paracetamol, Novalgin und Ibuprofen wie ich bin, ist der Schmerz inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass ich fast glaube, ich hätte gar nicht herkommen müssen.

Krankenhäuser sind keine Orte, an denen irgendjemand gerne ist. Der Name ist Programm. Ich bevorzuge das in Wien gebräuchliche Wort Spital. Es leitet sich vom lateinischen Hospitale ab und bedeutet so viel wie Gästezimmer. Das klingt doch gleich ganz anders. Als Gast bleibt man meist nur ein paar Tage, kann kommen und gehen, wie es einem beliebt, und körperliche Gebrechen sind keine Voraussetzung für einen Besuch.

Ein Blick auf die Braunüle erinnert mich jedoch daran, dass es sich wohl doch eher um ein Krankenhaus handelt, so sehr ich mir auch wünsche, nur Gast zu sein. Andererseits habe ich mich freiwillig hierher begeben. Ein stechender, kaum auszuhaltender Schmerz, begleitet von Fieber und Erbrechen, war letztlich ein überzeugendes Argument für einen nächtlichen Ausflug.

Seltsam ist das mit unseren Organen, oder? Sie sind die ganze Zeit da, verrichten unermüdlich ihre Arbeit und doch nehmen wir sie erst bewusst wahr, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Solange alles seinen gewohnten Gang geht, schenken wir ihnen kaum Beachtung.

In meinem Fall sind es wohl die Nieren. Erst haben sie leise Hallo gesagt. Dann etwas nachdrücklicher. Und als ich sie immer noch nicht hörte, haben sie schließlich geschrien. Was hätten sie auch sonst tun sollen, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen?

Interessant, dass unsere Sprache so oft auf den Körper zurückgreift. Etwas geht uns an die Nieren, schlägt uns auf den Magen oder bricht uns das Herz. Offenbar wissen wir intuitiv längst, dass Körper und Leben enger miteinander verbunden sind, als wir uns eingestehen wollen.

Natürlich weiß ich nicht, warum ausgerechnet meine Nieren beschlossen haben, sich bemerkbar zu machen. Vielleicht ist es einfach eine Infektion. Vielleicht schlicht Pech. Vielleicht aber auch ein Hinweis darauf, dass ich in den vergangenen Monaten über manches hinweggegangen bin, das längst meine Aufmerksamkeit verdient hätte.

Ob unsere Seele tatsächlich mit unseren Organen spricht, weiß ich nicht. Aber ich finde den Gedanken tröstlich, dass Krankheit manchmal mehr sein kann als ein Defekt. Vielleicht ist sie eine Einladung, innezuhalten und genauer hinzusehen.

Nicht nur auf Laborwerte oder Ultraschallbilder. Sondern auf das eigene Leben.

Wenn ich morgen über die Station laufe und die Menschen hier sehe, werde ich nicht wissen, welche Geschichten sie mitgebracht haben. Manche Krankheiten entstehen ohne Vorwarnung, andere beinhalten vielleicht etwas von dem, was wir jahrelang mit uns herumgetragen haben: unausgesprochene Gefühle, dauerhafte Anspannung oder ein Leben, das sich immer weiter von uns selbst entfernt hat.

Ich jedenfalls werde mich bei meinen Nieren bedanken. Nicht nur, weil sie Tag für Tag zuverlässig ihre Arbeit verrichten, ohne jemals Anerkennung einzufordern. Sondern weil sie mich daran erinnern, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist und Aufmerksamkeit nicht erst dann beginnen sollte, wenn der Körper Alarm schlägt.

Vielleicht gilt das nicht nur für unsere Organe. Vielleicht flüstert uns das Leben ständig etwas zu. Eine Beziehung, die nicht mehr passt. Eine Arbeit, die uns erschöpft. Eine Sehnsucht, die immer wieder anklopft. Meist sind diese Stimmen leise und wir können sie problemlos überhören. Bis irgendwann etwas geschieht, das sich nicht länger ignorieren lässt.

Egal wie laut der Alltag ist, es ist gut, genauer hinzuhören, damit wir auch die leisen Stimmen hören können.

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