„Freude ist das einfachste Gebet.“
— Karl Barth
Ich sitze in der U6 und bin auf dem Rückweg vom Schwimmen. Draußen sind es 37 Grad. Um mich herum versuchen einige Frauen, sich mit Fächern zumindest einen Hauch Abkühlung zu verschaffen, und ein wenig beneide ich sie um ihre Weitsicht. Mein Fächer liegt gemütlich zuhause und leistet meinem seit Wochen nicht benötigten Regenschirm Gesellschaft. Ich bin nicht sicher, ob mir meine Haare an der Stirn kleben, weil das restliche Donauwasser noch nicht getrocknet ist, oder ob sie nass sind vom Schweiß. Ich tröste mich damit, dass auch meinen Mitpassagieren Tropfen über die geröteten Gesichter perlen.
Die Luft in der Bahn fühlt sich so dick und schwer an, als wären die anderen Fahrgäste und ich in einem überdimensionierten winterlichen Strickpullover gefangen. Und dann höre ich sie plötzlich, die klingenden Glocken des Weihnachtsmannes.
Habe ich einen Hitzschlag? Irritiert blicke ich mich um und schließe dann einen Augenblick die Augen. Ich verspüre keinen Schwindel, und auch jetzt höre ich weiterhin das muntere Geklimper. Gleich würde ein Rentierschlitten in der U6 landen und Santa keinen Sack mit Geschenken über uns ausleeren, sondern eine volle Ladung eiskalten Schnees.
Auch das Ehepaar, das mir gegenüber sitzt, hat die gleichen Halluzinationen wie ich. Suchend schauen sie sich nach der Ursache des weihnachtlich anmutenden Gebimmels um, das so gar nicht zur aktuellen Hitzeperiode passen möchte.
Unvermittelt beginnt die Frau neben mir, die Melodie von Jingle Bells zu summen, und automatisch wippt mein Fuß im passenden Rhythmus dazu. Offenbar breitet sich die kollektive Wahrnehmungsstörung aus.
Als die Bahn an der Station Spittelau hält und sich leert, entdecke ich den Weihnachtself, der munter einen Schellenkranz in der Hand hält und ihn immer wieder schwingt. Der etwa zwölfjährige Junge sitzt in einem Rollstuhl, sein Blick ist entrückt, während seine Mutter hinter ihm steht und ihm beruhigend über den Kopf streichelt.
Eine Weile beobachte ich die zwei, versuche den Blick des Jungen zu erhaschen, aber er irrt ziellos durch den Raum. Immer wieder rasselt er mit der Schelle, und dann erhellt eine unsagbare Freude sein Gesicht. Wie ein Engel steht seine Mutter hinter ihm, wacht über ihren Schatz.
An der nächsten Station muss ich aussteigen. Ich gehe an ihnen vorbei, lächle sie an und sage mit einem Augenzwinkern: „Frohe Weihnachten!“
„Oh, Entschuldigung, hat es Sie gestört?“, fragt mich die Mutter, und ich schüttle den Kopf. „Nein, es war das Schönste, was ich heute gesehen habe.“
Ich glaube, in der Bahn war es nicht so heiß, weil es Sommer ist, sondern weil bedingungslose Liebe unsere Herzen wärmt.


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