Der Himmel ist blau, nur vereinzelt ziehen schneeweiße Wattewölkchen unter mir vorbei. Ich blicke aus dem Fenster und sehe den Main, wie er sich in sanften Mäandern schlängelt.
Ich entdecke die alte Fabrik, in der wir unser Büro hatten, den Wald mit dem kleinen See, in dem ich so oft mit meinen Hunden spazieren gegangen bin. In der Ferne ragt der Fernmeldeturm auf dem Großen Feldberg in die Höhe, in dessen Schatten ich in Vollmondnächten im Frauenkreis getanzt habe.
So viele Orte, mit denen ich zahlreiche Erinnerungen verbinde. Dort unten bin ich groß geworden. Habe auf dem Parkplatz von Textilmaschinen Mayer Fahrradfahren gelernt, in meinem Kinderzimmer meinen ersten Kuss von Dennis bekommen, war das erste Mal betrunken im Schrebergarten meiner Freundin Nathalie, bin in meine eigene Wohnung in der Richard-Wagner-Straße gezogen. War verliebt, habe geweint, gelacht und gelebt. Immer wieder bin ich fort und doch jedes Mal zurückgekehrt, selbst wenn ich am anderen Ende der Welt gewesen bin.
Jetzt ist es anders. Das Leben dort unten ist nicht mehr meins. Ich habe einen anderen Ort gefunden, der jetzt mein Zuhause ist. Nicht geplant, nicht organisiert, es ist einfach so passiert. Wie so oft im Leben. Die wirklich wichtigen Dinge geschehen oft ganz ohne unser Zutun und vor allem gänzlich anders, als wir sie uns vorgestellt haben.
Jetzt sitze ich hier in zehntausend Meter Höhe und werfe einen Blick in die Vergangenheit. Eine kurze Erinnerung an das, was war. An ein Leben, das nicht mehr meins ist. Als würde ich eine Serie auf Netflix schauen: Zesás Teenage Life – Die erste Staffel.
Wie es wohl wäre, wenn ich mich selbst treffen könnte? Zu gerne würde ich mit mir einen Kaffee trinken und mich mit meinem anderen Ich austauschen. Wer würde mir gegenübersitzen? Was wäre geworden, wenn ich dieses Leben nicht hinter mir gelassen hätte? Was würde mir fehlen? Wäre ich glücklich und welche Erfahrungen hätte ich gemacht? Würde ich mein anderes Ich mögen?
Alles Fragen, auf die ich keine Antwort finden werde und doch beschäftigen sie mich. Ich höre das laute Rattern und Rumpeln, als das Fahrwerk ausgefahren wird und nach wenigen Minuten setzt das Flugzeug mit einem leichten Holpern am Boden auf. Die Geschwindigkeit, mit der wir über die Landebahn sausen, drückt mich in meinem Sitz nach hinten und dann stehen wir.
Auch wenn die Fragen offen bleiben, zumindest ein kurzer Besuch in das Leben, das meins hätte sein können, ist möglich. Und wenn es nur bedeutet, die Orte zu besuchen, die wie alte Bekannte sind.


Eine schöne Geschichte mit einem tollen Thema und einer sehr gut inszenierte Wendung. Auch die Landschaft ist gut beschrieben. Erinnert mich an meine Jugend.
Danke schön, T.J. 🤗 Freut mich, dass ich dich auch mit auf eine kleine Zeitreise nehmen konnte!
Eventuell liegt es daran, dass auch ich viele Orte deiner Vergangenheit kenne, dass ich begeistert von deinen „Gedanken über den Wolken war“ ! Aber ich bin auch sicher, das „neue ungeplante Leben an einem anderen wunderschönen Ort“ wird dich zu vielen neuen und schönen Erkenntnissen führen ! Danke für diese schöne Geschichte !
Wie du weißt, aber ich ja bereits fleißig, auch die neuen Orte literarisch zu würdigen. ☺️