Ich war diese Woche auf einer Kundgebung gegen Antisemitismus. Auf irgendeinem Social Media Kanal wurde mir die Veranstaltung vorgeschlagen, also bin ich recht kurzentschlossen hingegangen.
In letzter Zeit lese ich immer häufiger und vor allem fassungslos Meldungen, in denen beiläufig erwähnt wird, dass jüdische Studenten angegriffen werden, dass Anti-Semitische Graffitis in manchen europäischen Großstädten so viel Begeisterung auslösen, als wären sie Werke von Banksy, und israelische Restaurants schließen, weil sie nicht nur bösartige Fake-Bewertungen sammeln, sondern teils auch Mitarbeiter tätlich angegriffen werden.
Mit Beklemmung und Entsetzen höre ich einer Freundin zu, die seit mehr als 50 Jahren in Deutschland lebt, und nun mit über 60 das erste Mal überlegt, ihre Heimat zu verlassen und nach Israel zu gehen. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen kann. So gerne würde ich antworten, dass es eine nicht reale Angst ist, die sie umtreibt. Dass sie sicher ist, weil die Menschheit gelernt hat und sich das Unaussprechliche niemals mehr wiederholen wird. Aber ich sage nichts, weil ich Angst habe, dass es eine Lüge wäre. Gibt es etwas, das noch mehr ausdrücken kann, wie kläglich wir mit dem „Nie wieder ist jetzt“ gescheitert sind?
Ich bin in Offenbach großgeworden und seit ich denken kann, steht die Synagoge dort unter Polizeischutz. Nicht, weil die Gefahr kahlrasierter, Springerstiefel-tragender und einen kleinen Österreicher-Verehrenden dort so hoch wäre.
Ich erinnere mich, als vor einigen Jahren ein den Menschen besonders liebevoll zugeneigter Salafisten-Prediger zu Gast war. Von all meinen Bekannten aus der Kunst- und Kreativszene, die sich so voller Inbrunst „gegen rechts“ einsetzen und deren MacBooks von „Kein Platz für NZIs“-Stickern verziert werden, war kein einziger mit mir auf der Gegen-Demo.
Es erfordert keinen Mut, sich gegen jemanden einzusetzen, von dem keine Gefahr ausgeht. Mut zeigt sich dann, wenn es unbequem ist, wenn es bedeutet, etwas zu riskieren. Nachteile in Kauf zu nehmen und ja, vielleicht auch in Gefahr zu laufen, selbst körperlichen Schaden zu nehmen. Andernfalls ist es nur leeres Gerede. Gerade gut genug, um es auf Social Media zu posten und der Welt zu beweisen, was für ein couragierter und moralisch integrer Mensch man doch ist. Das aber ist kein Mut, das ist Mitläufertum – und davon hatten wir schon einmal mehr als genug.
Jeder hat das Recht, Regierungen und Politik zu kritisieren. Jeder darf einen Menschen nicht mögen und für verrückt halten, wenn ihm seine Meinung nicht passt. Keinesfalls aber rechtfertigt eine vermeintlich falsche Meinung, eine bestimmte ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, dem anderen gegenüber Gewalt anzuwenden. In einer zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft sollten Konflikte mit Argumenten und nicht mit Messern und Macheten ausgetragen werden. Wer dazu aufgrund seiner Sozialisierung nicht in der Lage ist, darf gehen und wenn er das nicht tut, erwarte ich von einem funktionierenden Staat, dass er die anderen Menschen vor diesem Individuum schützt.
Wenn wir diese Formen der Aggression akzeptieren und stillschweigend hinnehmen, dann haben wir als Gesellschaft versagt. Dann werde ich meine Freundin anrufen und alles, was ich ihr sagen kann, ist, dass es mir leidtut und dass ich mich schäme, dass nicht mehr von uns den Mund aufgemacht haben, als es wichtig gewesen wäre.
Deshalb war ich auf dieser Kundgebung. Als kleines Zeichen und um zu sagen „Du bist nicht alleine.“ Umso trauriger fand ich, wie überschaubar die Teilnehmerzahl war. In einer Stadt wie Wien, in der das Judentum so ein fester Bestandteil ist, sollten da nicht Unmengen von Menschen teilnehmen? Wo sind und waren all diejenigen, die sich sonst für die Rechte jeder Minderheit einsetzen? Haben die mit Maschinengewehren bewaffneten Polizisten sie abgeschreckt oder performt der Hashtag #gegenantisemitismus einfach zu schlecht? Klar, unter dem Gesichtspunkt ist #propalestine natürlich dankbarer …
Aber ich werde zynisch und das möchte ich nicht. Viel lieber möchte ich Hoffnung haben. Hoffnung, dass die anständigen Menschen sich zusammentun und gemeinsam gegen die einstehen, die Hass säen. Die Frage ist jetzt nur noch, auf welche Seite stehst du?


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