Das Reich ohne Spiegel

Das kurze Märchen Das Reich ohne Spiegel von der Wiener Autorin Zesá
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Vor langer Zeit gab es ein Königreich, in  dem es keine Spiegel gab. Nicht weil sie alle zerbrochen wären, nein, in diesem Reich gab es nur das, was echt war. Selbst das Wasser zeigte kein Abbild dessen, der sich über seine Oberfläche beugte.

Eines Tages kam ein Händler ins Dorf. Er erzählte von einem fernen Land, in dem die Menschen jeden Morgen in ein Stück Glas blickten, um sich selbst zu betrachten.

Die Dorfbewohner hörten staunend zu und lachten. So etwas Komisches hatten sie noch nie gehört.

„Und was sehen sie dort?“, fragte ein alter Mann.

„Sich selbst“, antwortete der Händler. „Sie sehen, wie sie aussehen, was sie anhaben und ob es sie kleidet oder nicht.“

Die Menschen nickten höflich, obwohl keiner recht verstand, welchen Zweck diese Spiegel-Dinger erfüllen sollten.

Unter der Menschenmenge waren auch Anina und Beron, die sich von Herzen liebten.

Einige Tage nachdem der Händler weitergezogen war, sagte Anina zu Beron:

„Ich wüsste gern, wie ich aussehe.“

Der junge Mann sah sie überrascht an.

„Ich verstehe nicht“, sagte er. „Was meinst du damit?“

„Beschreib mir, was du siehst, wenn du mich anschaust.“

Er lächelte. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“ Beron nahm ihre Hand und sie setzten sich gemeinsam ins Gras. Er schaute ihr tief in die Augen und sprach: „Wenn ich dich anschaue, sehe ich, wie du jeden Morgen als Erste ein Lied singst und damit den Tag begrüßt. Ich sehe, wie dein Lachen selbst graue Stunden heller macht. Ich sehe dein Herz, das meines zum Tanzen bringt. Ich sehe die Geduld, mit der du unserem Sohn über den Kopf streichelst, bis seine Tränen versiegen. Ich rieche den ersten Regen nach einem langen Sommer und frisches Brot, wenn du nach Hause kommst. Und wenn du einen Raum betrittst, wird er so hell, als würde die Sonne hereinscheinen.“

Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Das kannst du doch unmöglich alles sehen, wenn du mich anschaust!“

Beron nickte. „Doch. Jeden Tag.“

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