U2 Richtung Karlsplatz
Interessiert schaue ich auf das Jute-Sackerl mit der Aufschrift „Le grand art vit de moyens pauvre“. Auch wenn meine Schulzeit schon einige Jahre her ist, reicht mein Französisch gerade noch aus, um das Zitat ins Deutsche zu übertragen: Große Kunst lebt von einfachen Mitteln. Und welch ein Segen, lag mir auch der Kunstunterricht und zielsicher ordne ich das Zitat dem berühmten Architekten Le Corbusier zu. Wie stolz meine damalige Kunstlehrerin Frau Rilke-Schneider wohl wäre, wenn Sie wüsste, dass ich über zwei Jahrzehnte danach in der U2 sitze und mich an das von ihr vermittelte Wissen erinnere.
Karl, der Träger des überdurchschnittlich gebildeten Sackerls, bekommt von meinen Gedanken nichts mit. Unbeachtet hängt die Hommage an den Schweizer an Karls Schulter, während er stolz auf den Eimer schaut, der zu seinen Füßen steht. Voll bis an den Rand mit dunklen, fast schwarzen Brombeeren ist er.
Ich verstehe seinen Stolz. Die letzten Brombeeren, die ich vor wenigen Tagen im Sternwartepark gepflückt habe, litten unter der Trockenheit und waren bestenfalls so groß wie Blaubeeren. Karls Vitamin-C-Bomben dagegen sind prall und ich sehe ihnen an, wie saftig sie sind. Seit mehr als zehn Jahren hat Karl den Kleingarten gepachtet und jedes Pflänzchen wird gehegt und gepflegt. Die heurige Brombeer-Ernte macht ihn besonders froh. Nicht nur, weil seine Lisi den besten Brombeer-Sauerrahm-Kuchen backt, sondern auch, weil die Ernte der Nachbarn dieses Jahr besonders mager ausgefallen ist.
Sie alle nahmen das Gärtnern nicht ernst genug! Weder kannten sie sich mit dem richtigen Ansetzen eines Komposthaufens aus, noch wusste sie, welche Pflanzen sich nicht vertrugen und dass Giersch zwar lästig, als Jauche aber ein wundervoller Dünger war. Und auch wenn Karl es niemals zugegeben hätte, war er sicher, dass es den Pflanzen half, dass er regelmäßig mit ihnen sprach. Mal schwärmte er von der hübschen neuen Nachbarin, mal beklagte er sich über seinen missratenen Sohn und ab und an schilderte er ihnen, wie sehr ihn sein Rücken mitunter plagte. Kurzum, sie wussten, was er sonst niemandem verraten hätte, und sie dankten ihm sein Vertrauen mit einer reichen Ernte.
Neben uns kämpft eine junge Frau damit, ihre unzufrieden quengelnde 3-Jährige zu besänftigen. Das Mädchen turnt auf seine Mutter herum wie ein kleines Äffchen. Egal, wie sehr sich die Frau bemüht und auf die Kleine einredet, sie schimpft, plärrt, klettert und zappelt.
Karl beobachtet das Treiben eine Weile kopfschüttelnd, ehe er aus dem Eimer eine besonders große Beere fischt und der Kleinen reicht.
Kurz hält sie inne und schaut die dunkle Beere aus großen Augen an, als könne sie nicht glauben, welch Schatz ihr angeboten wird. Mit beherztem Griff schnappt sie sich die Beere und schiebt sie sich genüsslich in den bis eben noch plärrenden Mund. Dankbar nickt die Mutter und ich gebe einen neidischen Seufzer von mir. Schade, dass ich nicht mehr so herzig bin. Karl ist meine Enttäuschung nicht entgangen. Er schaut mich an und dann fragt er mit einem Lächeln: „Wollen’S a Brambuan gustieren?“
„Oh, danke!“ Karl reicht mir das kleine Früchtchen und ich schaue sie anerkennend an, ehe ich zu ihr sage: „Du bist wirklich ein schönes Exemplar und wirst bestimmt noch besser schmecken.“
Anerkennend nickt Karl mir zu, bevor er aufsteht, um am Schottenring auszusteigen. Wer mit einer Brombeere redet, der kann nicht verkehrt sein. Da könnten sich seine Nachbarn noch eine Scheibe von abschneiden.


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