Frida

Geschichten aus den Wiener Öffis – Bim Gschichtn von Zesá
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U6 Richtung Floridsdorf


Heute habe ich in der U6 Frida Kahlo getroffen. Sie steht in der Mitte des Waggons und hält sich an einem der Haltegriffe fest. Also nicht wirklich Frida, eher ihre Reinkarnation. Die Frida der Gegenwart heißt nämlich eigentlich Brigitte und ist Anwaltsgehilfin.

Nicht unbedingt der Beruf, den ich mir für die wiedergeborene Künstlerin vorgestellt hätte, aber wer bin ich, darüber zu urteilen?

Fridas, oh pardon, ich meine Brigittes scharf geschnittene Gesichtszüge und die prominenten Brauen verleihen ihr eine ganz eigene Schönheit. Zu gerne würde ich sie jetzt malen und festhalten, wie sie dort in gefühlter Zeitlosigkeit in der U-Bahn steht. Aber da mir Worte mehr liegen als die Malerei, beschränke ich mich darauf sie zu betrachten. So kann ich sie zumindest, sobald ich wieder in der Nähe von Papier und Stift bin, mit Worten festhalten.

Das dunkelblaue Kostüm an ihr wirkt wie ein Fremdkörper. Als hätte jemand einen kunterbunten Paradiesvogel mit dunkelblauer Farbe angepinselt. Nur hier und da blitzen einzelne bunte Federn hindurch. Brigittes Federn sind der knallrote Lippenstift, die leuchtendgrünen Pumps und riesigen Ohrringe. Goldene Kreolen, in deren Mitte – wie könnte es anders sein – ein mit bunten Stass-Steinen besetzter Papagei sitzt, der munter hin und her wackelt.

Brigittes linke Fußspitze tippt ungeduldig auf und ab, als könne sie nur schwer ertragen, einfach untätig in der Bahn rumzustehen.

Sie wirkt so fehl am Platz. Am liebsten würde ich ihre Hand nehmen und sie raus aus der Bahn, hinein in ein Museum oder ein Atelier bringen. Sie mit einem Eimer Zauberwasser übergießen, der das langweilige Kostüm wegspült und die vielfältigen Farben darunter zum Vorschein bringt.

Wie viele von uns leben ein Leben, das gar nicht das Richtige für sie ist? Nachdenklich schaue ich ihr hinterher, als sie an der Station Alser Straße aussteigt. 08:45 Uhr – ein neuer Tag voller Akten wartet auf sie. Ich hoffe, dass irgendwo zwischen all den Akten Platz für ihre bunten Federn ist.

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