Freundschaft mit einem Wal

Essay Freundschaft mit einem Wal über die Schnelligkeit des Lebens von der Wiener Autorin Zesá
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Mir läuft die Zeit davon. Nein, sie läuft nicht, sie rennt. Rast dahin wie ein Formel-1-Wagen auf gerader Strecke.

Unaufhörlich kann ich hören, wie sie mir im Nacken sitzt. Tick, tack. Tick, tack.

Ich habe das Gefühl, dass mir mit jedem Tick ein kostbarer Moment verloren geht: Ein Job, den ich gerne gehabt hätte, eine Beziehung, die ich gerne geführt hätte, plötzlich sind sie keine Option mehr. Bei jedem Tack verabschiede ich mich von einem Ort, an dem ich gerne gelebt hätte und streiche ein verrücktes Hobby von meiner Bucket List.

Neben mir sitzt das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland und hält mir mahnend seine Taschenuhr entgegen. Nur droht nicht die Ankunft der Herzkönigin, sondern Schlafes Bruder nähert sich. Noch ist er, so hoffe ich, einige Jahre entfernt. Aber selbst wenn er mit der Deutschen Bahn reist, wird er irgendwann bei mir eintreffen.

Bis dahin möchte ich so viel erlebt haben, wie ich nur kann. Ich möchte das Leben so intensiv spüren, wie es nur geht. Egal, was dazu gehört. Ich möchte so sehr lachen, dass mein ganzer Körper vibriert, mein Bauch schmerzt, als hätte ich 100 Sit-ups gemacht. Ich möchte weinen, so einen Herzschmerz haben, dass die ganze Welt von meinen Tränen überflutet wird und sich eine Arche bauen muss, um meinem Kummer zu entfliehen. Auf den höchsten Berg möchte ich klettern, mich von seinem Gipfel herabstürzen und wie ein Vogel davonfliegen.

Ich möchte den Pazifik durchschwimmen und Freundschaft mit einem Wal schließen. Er wird mich in seinem Maul tragen, wenn ich müde bin und mich auf einer einsamen Insel ausspucken, auf der ich lebe und ein ganzes Buch in den Sand schreibe.

Ich will an jedem Ort ein Zuhause gehabt haben, an dem ich mich wohlgefühlt habe, und mit jedem Menschen, der mir gefällt, eine innige Beziehung führen. Ich will Leidenschaft leben, mich von Kopf bis Fuß tätowieren lassen, um dann in einem rosa Tutu bei Schwanensee zu tanzen. Ich will, ich will so vieles, alles und intensiv. Das Leben will ich erkunden mit all seinen Facetten und dann höre ich es wieder. Das Ticken der Zeit, sehe des Kaninchens warnenden Blick. Was kann ich schaffen und was als Erstes tun? Und da stehe ich dann und rühre mich nicht. So viele Möglichkeiten, welche soll ich wählen? Ich weiß es nicht.

Aber wie viele Leben kann ein einzelner Mensch überhaupt leben?

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12 Kommentare zu „Freundschaft mit einem Wal“

  1. Ich sitz bei einer Tasse Kaffee und lese deinen Text, und die darin aufgezählten Bilder beeindrucken mich. Ich denke auch viel über die mir noch verbleibende Zeit nach. Immer wieder Bilanz ziehen und mit dem gelebten Leben zufrieden sein, trotz der Möglichkeiten, die man hat links liegen lassen.
    Aus deinem Text spricht eine Frau, die dem Leben alles abringen will, die Höhenflüge ersehnt und Abstürze nicht fürchtet …

  2. Danke für diese Reise, es war mir, als hätte ich dich begleitet, so ähnlich geht es mir zur Zeit. Vom Wal würde ich mich auch gern verschlucken lassen um in der Ruhe ausgespuckt zu werden …

    1. Liebe Helga, danke für deine Rückmeldung! Freut mich sehr, dass der Text dich mit auf eine Reise genommen hat. Wünsche dir von Herzen, dass du die Ruhe findest. <3

  3. Wie Du mit der Sprache spielst ist großartig auch wenn ich manchen Gedanken so nicht hätte mag ich es darüber nachzudenken bin aber einer der nach vorne schaut

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