Linie 38 Richtung Grinzing
Gehetzt wirkt Émilies Blick, als sie in die Bim steigt. Im Arm hält sie fünf, nein sechs, frisch gebackene Baguettes. Ihr Duft weht durch die Bahn und lässt meinen Magen knurren.
Die blaue Culotte schlenkert um ihre schlanken Beine, als sie mit zielstrebigen Schritten die freie Sitzreihe ansteuert. Ein Platz für sie, einer für die Backwaren, die sie fast liebevoll an sich lehnt.
Nachdenklich zieht sie die Stirn in Falten. Hat sie jetzt endlich alles fertig für den Besuch ihrer Eltern? Seit Wochen schon bereitet sie sich innerlich und ihre Wohnung äußerlich auf ihre Gäste vor. Marie-Thérèse und Charles reisen schließlich nicht jeden Tag nach Vienne.
Wie erleichtert war Émilie, als sie vor zehn Jahren ihre überkritische Mutter und ihren stoisch in sich ruhenden Vater in dem kleinen Vorort von Paris zurückgelassen hatte!
Endlich konnte sie frei atmen, war nicht länger die perfekte Tochter der Chevaliers. Émilie konnte in Jogginghosen ihre Wohnung verlassen, dem Postboten ungeschminkt die Tür öffnen und sich eine Woche lang nur von Pizza ernähren, die sie direkt aus dem Karton aß. Mon Dieu! Oh, was genoss Émilie la joie de vivre abseits der Heimat!
Aber damit war es nun vorbei – zumindest für zwei Wochen. Dann würden ihre Eltern ihre ältere Schwester Jeanne in London mit ihrem Besuch, oder eher ihrer Visite, beglücken.
Dann wäre Émilie wieder frei zu tun, was immer sie wollte. Sie seufzt. Nicht einmal zehn Jahre in der Ferne haben sie rebellisch genug gemacht, ihre Eltern ohne Baguettes zu begrüßen. Noch ein wenig fester umschließt ihr Arm die Brote, als sie die Bim in der Paradisgasse verlässt.
Das Paradies hat ab heute Nachmittag zwei Wochen geschlossen.


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