U4 Richtung Heiligenstadt
Missmutig schaut Leila, als sie einsteigt. Mein Lächeln und dass ich ihr Platz mache, damit sie sich setzen kann, quittiert sie mit einem Schnaufen – ich interpretiere es als Dank.
Leilas kräftige Beine stecken in burschikosen Cargoshorts. Dazu trägt sie ein Oversize-Band-Shirt der Ramones. Ihr hellgrün-gefärbtes Haar ist an den Schläfen abrasiert und am Oberkopf mit Gel zu Stacheln geformt. Mit jeder Faser drückt sie ihre Rebellion gegen alles und jeden aus.
Die dahinterstehende Verunsicherung lässt sich bestenfalls noch an den rosafarbenen Sneakern und dem kindlich anmutenden Perlen-Armand ablesen. LEILA steht in Großbuchstaben auf den eckigen weißen Perlen.
Um sicherzugehen, so gut wie möglich gegen die feindliche Außenwelt abgeschottet zu sein, trägt sie große Kopfhörer mit Bügeln, an denen flauschige Plüsch-Katzenohren angebracht sind. Die doch eher destruktiv anmutende Musik ist so laut, dass selbst ich sie hören kann. Mir würde das Trommelfell wegfliegen.
Mein Blick bleibt an den fast schon symmetrisch angeordneten Narben hängen, die sie wie eine Auszeichnung zur Schau stellt. „Schaut her, wie hart ich bin“, flüstern sie und erst nach einer Pause klingt leise nach: „Und so verletzlich.“
Beide Arme verzieren die schmerzhaften Kunstwerke und auch unter den hochgerutschten Shorts sind sie auf dem linken Oberschenkel zu sehen. Wie ein Zebrastreifen, der vom Knie nach oben führt und zwei getrennte Welten miteinander verbindet.
Als ihre Eltern ihr die Rasierklingen weggenommen haben, hat sie einfach mit der Spitze ihres Zirkels weitergemacht. Ein Künstler ist nicht an sein Werkzeug gebunden.
Seit ein paar Woche lebt Leila jetzt in einer Wohngemeinschaft, aber bisher beißen sich die Therapeuten die Zähne an ihr aus. Sie können nicht empfinden, was Leila fühlt.
Diese Erleichterung, dieser Frieden, der einsetzt, sobald sie sieht, wie die ersten, kleinen Blutstropfen aus den Schnitten hervorquellen.
So satt das Rot. So schön der Kontrast zur milchweißen Haut. Allein bei dem Gedanken muss sie erleichtert seufzen.
Als ich an der Landstraße aussteige, schaue ich sie noch einmal an.
Hoffentlich findet die kleine Künstlerin bald ein anderes Medium, um sich auszudrücken.


MitleserIn werden
Einmal im Monat eine Nachricht von mir mit Lesestoff. Kostenlos, jederzeit abbestellbar – aber das wirst du gar nicht wollen. ;)