Blaue Flecken

Schwarze Silhouetten: eine Frau im Kleid, die sich abwendet, und daneben eine leere Ritterrüstung
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Wir spielen alle Rollen, habe ich diese Woche gehört. Habe ich auch gemacht. Jahrelang. Und dann stelle ich mir die Frage, warum eigentlich? Können wir nicht wir selbst sein, weil wir gar nicht wissen, wer wir sind? Oder haben wir das reine Sein irgendwann verlernt?

Und woran merken wir das überhaupt? Es gibt ja keine Waage, auf die wir morgens steigen können und die uns sagt 65 Kilo, davon 35 % Rolle A, 25 % Rolle B und 40 % du selbst. Wäre aber ungeheuer praktisch. Könnte mal jemand ein Start-up dafür gründen?

Wenn wir uns zu sehr mit einer dieser Rollen identifizieren und sie wie eine Rüstung tragen, wie lange geht das? Ein ganzes Leben oder verlieren wir uns in ihr, wenn wir sie zu lange spielen? Und dann halten wir das, was anfangs eine Rolle war, am Ende für unsere wahre Identität.

Während mir diese Fragen durch den Kopf gehen, sitze ich im Park und tippe diese Zeilen. Vielleicht ist mein neues Autorinnen-Ich auch wieder nur eine Version von mir, in die ich geschlüpft bin. Ein Kostüm, das ich jetzt eine Zeit lang trage, bis es nicht mehr passt oder mir langweilig geworden ist.

Aber etwas ist anders: Ich fühle, dass es richtig ist. Nicht, weil ich Bestätigung und Erfolg im Außen habe — auf die warte ich noch —, sondern weil ich Ruhe spüre. Und Zuversicht. Es ist anstrengend, jeden Tag eine Rüstung zu tragen, und doch hatte ich mich irgendwann an ihr Gewicht gewöhnt. Wie schwer sie tatsächlich war, habe ich erst bemerkt, als ich sie ausgezogen habe. Eine Rüstung schützt vor dem Schwert. Aber manchmal erstickt sie langsam alles, was sie eigentlich beschützen sollte.

Ungewohnt ist das. Da ist plötzlich diese Leere. Diese Verletzlichkeit. Auf einmal kann mich jeder sehen. Ein kleiner Stoß, der früher an der Rüstung abgeprallt wäre, hinterlässt jetzt blaue Flecken.

Und doch werde ich sie nicht mehr anziehen. Lieber blaue Flecken als gar nichts zu spüren. Jetzt lebe ich.

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