U6 Richtung Floridsdorf
An der Niederhofstraße bin ich eingestiegen, habe mich auf einen freien Platz gesetzt, gedankenverloren Musik über meine AirPods gehört.
Erst nach einer ganzen Weile fällt mir Viktor auf. Er sitzt ein Stück entfernt von mir schräg gegenüber. Sein Smartphone in der Hand, tief über dem Schoß. Darauf leuchtet ein kleiner grüner Punkt.
Ich schaue genauer hin. Bilde ich mir das ein oder ist das Handy auf mich gerichtet? Ich schaue nach links und nach rechts. Außer mir ist niemand hier. Aber vielleicht spinne ich und er schaut nur ein YouTube-Video. Jetzt mal nicht überreagieren, sage ich mir selbst und versuche ihn zu ignorieren.
Gelingt mir nicht. Soll ich aufstehen und mich umsetzen? Es widerstrebt mir, meinen Space aufzugeben. Angriff ist die beste Verteidigung. Also einfach zu ihm rüberrufen, ob er mich filmt. Schaffe ich nicht. Unangenehm. Ich suche Blickkontakt. Starre ihn an. Bestimmt fühlt er sich ertappt und hört auf.
Fehlanzeige. Er grinst. Schmierig. Anzüglich. Eine Station noch. Warum stehe ich nicht auf? Warum sage ich nichts? Bleibe wie eingefroren, mein Atem geht flach.
Endlich. Währinger Straße, Volksoper. Ich stehe auf, fliehe zur Tür.
Wie viele solche Erlebnisse brauche ich noch, um nicht mehr einzufrieren?
Warum wir erstarren
Was mich an diesem Tag länger beschäftigt hat als der Mann mit dem Handy, war meine eigene Reaktion. Ich bin sitzen geblieben. Ich habe nichts gesagt, nichts getan. Ich bin erst aufgestanden, als sich die Türen geöffnet haben. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, ich bin selbstständig und schreite immer ein, wenn ich anderen helfen kann. Aber in diesem Moment war ich wieder 13 Jahre alt und hilflos.
Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Fast jede meiner Freundinnen kann von solchen Erlebnissen berichten.
Wir erstarren nicht, weil wir schwach sind. Wir erstarren, weil uns niemand beigebracht hat, was man in so einem Moment tut, und wir zu oft Aussagen gehört haben wie „Stell dich nicht so an“ oder „Ist doch gar nichts passiert“.
Wenn dir so etwas passiert ist: Du bist nicht die Einzige, die stehen geblieben ist.
Was die Zahlen sagen
In einer Umfrage unter 1.069 Menschen entlang der Südbahnstrecke (Projekt „Safer Place“) gaben 52 % der Frauen an, in öffentlichen Verkehrsmitteln Belästigungen oder Übergriffe erlebt zu haben; bei den 20- bis 29-Jährigen rund sechs von zehn.
Heimlich gefilmt oder fotografiert zu werden ist in Österreich in vielen Fällen nicht strafbar – der Paragraf zu unbefugten Bildaufnahmen greift erst beim Intimbereich.
Hilfe und Beratung: Frauenhelpline gegen Gewalt, 0800 222 555 (Österreich, kostenlos, rund um die Uhr) · Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen, 116 016 (Deutschland)


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