Die Blumenmalerin

Das kurze Märchen Die Blumenmalerin von der Wiener Autorin Zesá
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In einer anderen Welt, die der unseren gar nicht so unähnlich ist, verschwanden irgendwann alle Farben. Die Bewohner wussten nicht, was passiert war, aber eines Morgens wachten sie auf und plötzlich war alles grau und trist.

Die Sonne war nicht mehr gelb, die Schmetterlinge nicht mehr bunt, Seen nicht mehr blau und selbst die Blumen waren farblos.

So grau wie ihre Welt, so grau waren auch die Menschen. Es war, als wäre mit der Farbe auch alle Lebensfreude gewichen. Sie standen auf, gingen zur Arbeit, aßen ihre grauen Speisen und gingen zu Bett. Tag ein, Tag aus, der gleiche Trott.

Irgendwann war die Erinnerung an die Farben nur noch eine blasse Erinnerung. Ein Märchen, das erzählt wurde, um Kinder zum Schlafen zu bringen, aber nichts, was es wirklich einmal gegeben hatte.

Das Grau lag über allem. Erstickte nach und nach die Freude und mit ihr den Lebenswillen. Aber eines Tages beschloss eine mutige Frau, die Farbe wieder zurück ins Leben zu holen. Das Besondere daran war, dass die Frau blind war. Sie hatte weder die Farben noch ihr Verschwinden jemals gesehen, aber sie hatte die Veränderung fühlen können, die mit dem Verlust der Farbe über die Welt gekommen war.

Wenn sie ihr Verschwinden fühlen konnte, überlegte sie, dann müsste sie sie doch auch wieder zurückfühlen können. Und so nahm sie einen Pinsel und ging damit in eine graue Blumenwiese. Sie stellte sich vor, wie es wohl wäre, Farben sehen zu können. Wie sie sich anfühlen, riechen und schmecken würden. Wie die Welt in einer herrlichen Farbenpracht leuchten und die Herzen der Menschen zum Strahlen bringen würde. Sie glaubte und fühlte es so sehr, dass mit jeder Blüte, die von ihrem Pinsel berührt wurde, ihre Farbe wiedererlangte, als wäre sie aus einem Schlaf erwacht. Und bald schon war die Wiese voller fröhlicher Blüten in Gelb, Rot, Blau, Violett und leuchtete wie ein Regenbogen.

Als die Menschen das sahen, erinnerten sie sich an die Welt, in der sie einmal gelebt hatten. Das Grau wurde heller und heller, bis überall die Farben hindurchschimmerten. Sie wurden stärker und stärker und je mehr Menschen sich erinnerten, desto schöner wurde die Welt.

Und all das nur, weil eine Frau den Anfang gemacht hatte und die Welt mit dem Herzen sah.

Die Veränderung liegt nicht in dem, was wir sehen und was unser Verstand begreifen kann, sie liegt in dem, was wir fühlen.

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