Vor ein paar Tagen saß ich an einem windigen Sommertag auf der Terrasse eines kleinen Restaurants und schaute von oben über die Stadt. Eine schöne Perspektive. Alles im Blick und doch weit genug fort von allem. Flauschige graue Wolken zogen den Himmel entlang, immer wieder blitzte die Sonne hindurch und leuchtete auf einige Bezirke herab, als wären sie die Stars in einer Theater-Inszenierung.
Geduldig wartete ich auf meinen Kaffee und lauschte den langweiligen Erzählungen meiner Begleitung. Hin und wieder zog ich meine Mundwinkel nach oben, nickte oder lachte leise, wenn ich den Eindruck hatte, mein Gegenüber hätte etwas Amüsantes berichtet.
Währenddessen beobachtete ich die Menschen um uns herum, die an den anderen Tischen saßen und ihren freien Tag genossen, als ich ihn bemerkte: Lautlos war er und klein. Hilflos suchte er nach einem Ausweg und war doch nur ein Gefangener unter uns.
Ich sah mich um, schaute, ob noch jemand ihn wahrgenommen hatte. Fiel meiner Begleitung auf, dass ich den Blick abwandte, weil ich den Eingesperrten betrachtete?
Nein, mein Gegenüber redete weiter. So sehr von sich selbst überzeugt, dass er nicht wahrgenommen hatte, dass er meine Aufmerksamkeit schon lange verloren hatte.
Ein wankelmütiges Ding ist sie, diese Aufmerksamkeit, überlegte ich und noch immer ruhte mein Blick auf dem Gefangenen. Unermüdlich suchte er nach einem Ausweg und doch saß er in der Falle.
Ihm ging es nicht anders als uns. Wie viele Menschen suchten einen Ausweg aus einer Situation und fanden ihn nicht? Wieder und wieder fliegen wir gegen eine unsichtbare Barriere, aber alles, was wir davon hatten, waren Kopfschmerzen und das untrügliche Gefühl, dass uns die Zeit davonlief.
Dabei hätte er nur ein wenig von seinem Weg abweichen müssen und schon hätte er gesehen, dass er der Freiheit viel näher war, als er dachte.
Ich hatte Mitgefühl mit dem Gefangenen. War er es, der mir leidtat oder war ich es? Warum sah niemand von den anderen ihn? Warum kam ihm keiner zu Hilfe?
Ich seufzte laut und schaute meine Begleitung an. „Entschuldige mich kurz“, sagte ich, nahm ein leeres Glas, ging ins Restaurant und trat an die riesige Scheibe heran, hinter der der Gefangene auf und ab flatterte.
„Glück gehabt, dass ich dich entdeckt habe“, flüsterte ich und stülpte das Glas über den gelben Schmetterling. Ich schaute ihn noch einen Moment an, legte meine Hand über das Glas und machte zwei Schritte nach links zur geöffneten Tür. Sah zu, wie er glücklich davonflog und in der Ferne verschwand. Wenn doch nur auch jemand ein Glas über mich stülpen würde, um mir den Weg zu zeigen.


Wunderbar!
Danke dir 😘
Toll geschrieben, konnte das richtig fühlen. Bin auch gefangen 🥲
Ich hoffe, dass bald jemand mit einem Glas kommt und dich rettet 🤗