So High

Die spannende Kurzgeschichte So High von der Wiener Autorin Zesá
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Nachdenklich stehe ich vor dem kleinen Laden, dessen Fenster mit Brettern vernagelt sind. Mit der Hand male ich ein Herz in die dicke Staubschicht, die die grüne Eingangstür bedeckt. Wie lange ist es jetzt her? 30 Jahre bestimmt.

Ein Lächeln schleicht sich in mein Gesicht, als ich in Erinnerungen schwelge. Ich höre das laute Wummern der Bässe, rieche den Qualm der Zigaretten, schmecke das kühle Bier auf meiner Zunge und sehe die tanzenden Menschen vor meinem inneren Auge. Was waren wir jung! Jung, idealistisch und im festen Glauben, alles sei möglich und die Welt stünde uns offen.

Ich an der Gitarre, Milli am Schlagzeug und Peter mit seiner unverkennbaren Stimme als Frontmann. Alle, wirklich alle lagen sie uns zu Füßen. Nach dem frühen Tod von Kurt Cobain wartete die Welt auf einen Charismatiker, der die Lücke schließen würde, und Peter passte dafür nahezu perfekt. Der Grunge erlebte seine Hoch-Zeit und wir waren mittendrin!

Und dann war da dieser eine Abend, dieser Abend, der alles verändern sollte. Nach unserem Gig im ‚Juniper’s‘ sprach uns ein Musikagent an und versprach uns einen Vertrag bei einem renommierten Plattenlabel. Wir waren Anfang 20 und wähnten uns am Ziel unserer Träume. Wir, zwei Jungs und ein Mädel aus der Vorstadt, sollten es wirklich zu Weltruhm bringen. Das dachten wir damals.

So unglaublich es klingt, aber plötzlich hatte sich unser Leben über Nacht in einen Traum verwandelt: Wir flogen First Class nach New York, unterschrieben den Vertrag, saßen im Studio und nahmen Songs auf.

Die ersten Konzerte in kleineren Läden bestätigten unseren Manager Marc in seinem Gefühl, wieder einmal den richtigen Riecher gehabt zu haben: Wir kamen super an, die Leute forderten eine Zugabe nach der nächsten und Peter und ich konnten uns vor den Avancen hübscher Mädels kaum retten.

Keiner von uns hätte sich damals denken können, dass unser Ruhm, kaum hatte er begonnen, ein jähes Ende finden würde.

Es war die Nacht auf den 23. September 1995, als wir kurz vor Mitternacht in dem Berliner Szeneclub ‚Denkbar‘ auftreten sollten. Wie es sich für richtige Vollblut-Musiker gehörte, hatten wir schon die ein oder andere Flasche geleert und waren in bester Stimmung, als wir auf die Bühne gingen.

Unser Top-Song ‚Thunderstorm‘ versetzte die Menge in einen wahren Rauschzustand. Peter sprang über die Bühne, als hätte er nie etwas anderes gemacht und wir ertranken geradezu im frenetischen Jubel unserer Zuhörer. Wir waren mitten in unserem Stück ‚So High‘ als plötzlich ein lauter Knall ertönte. Es dauerte einen Moment, bis wir realisiert hatten, dass der eben noch erklungene laute Jubel in eine fast ebenso geräuschvolle Panik übergegangen war.

Die lachenden Gesichter, in die wir eben noch geblickt hatten, waren verschwunden und stattdessen schauten wir in angstgeweitete Augen. Und dann endlich begriff ich, was los war: „Feuer!“, schrie ich und wedelte mit den Armen, um Milli und Peter auf die Gefahr aufmerksam zu machen. „Es brennt!“

Innerhalb von Sekunden war der Club von dunklen Rauchschwaden durchdrungen und ich erinnere mich nur noch, dass wir auf allen Vieren den Boden entlangkrochen. Einzig und allein das signalgrüne Leuchten der Notausgänge gab uns eine kleine Orientierung.

Draußen angekommen, lag ich auf dem nackten Asphalt und versuchte, frische Luft einzuatmen. Nie werde ich dieses Gefühl vergessen. Diesen schmerzenden Stich, als würde ich heißes Wasser in meine Lunge füllen und keine frühherbstliche Nachtluft.

Es fiel mir schwer zu verstehen, was passiert war, aber ein unbändiges Gefühl der Dankbarkeit stieg in mir auf. Ich war hier und lebte! Ich war dem Inferno entkommen!

Ein Moment wie dieser verändert einfach alles.

„Was vergangen ist, ist vergangen“, sage ich laut zu mir selbst und stecke den Schlüssel ins angerostete Schloss der Tür.

Wer hätte gedacht, dass ich tatsächlich mal die Bar kaufen würde, in der unsere Karriere damals solch ein abruptes Ende genommen hatte? Aber ich konnte einfach nicht anders, als ich letzten Monat die Immobilien-Anzeige entdeckte. Ich musste es einfach machen. Ein kurzes Telefonat mit Peter und die Entscheidung war gefallen. Einen anderen Namen werde ich ihr aber geben, soviel ist sicher. ‚Milli’s‘ klingt auch viel schöner als Denkbar. Und außerdem habe ich das Gefühl, ich schulde ihr es, ihr eine kleine Erinnerung zu schaffen. Denn Milli hatte in jener Septembernacht nicht so viel Glück wie ich.

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