„Alles, was uns an anderen irritiert, kann uns zu einem besseren Verständnis unserer selbst führen.“
– Carl Gustav Jung
Lange bevor er zu sehen ist, kann man ihn hören. Er schreit, er schimpft, er sudert, er hadert. Georg flucht und pöbelt so leidenschaftlich, als wären Beschimpfungen für ihn so notwendig wie das Atmen.
Schon als ich an der Volksoper in die U6 stieg, habe ich ihn durch die ganze Bahn hören können, aber erst als ich zufällig im gleichen Waggon wie Georg einen Sitzplatz gefunden habe, sah ich den Mann hinter den Beschimpfungen.
Wer so voller Inbrunst vor sich hinsudert, der muss eigentlich ein echter Wiener sein, stelle ich mit einem Schmunzeln fest. Die anderen Fahrgäste bemühen sich so gut es geht, den Lärmenden zu ignorieren, aber immer wieder pickt er sich ein neues Opfer heraus, das er dann mit besonders derben Flüchen belegt. „Wos schaust so deppat, du oide Schaßtrommel!“, giftet er eine etwa 50-jährige Frau an, die ihm beim Vorbeigehen einen kurzen Blick zugeworfen hat.
Ich versuche mich auf mein Buch zu konzentrieren, aber freue mich schon ein wenig, wenn ich endlich mein Ziel erreicht habe, und den zornigen Georg hinter mir lassen kann. Aber zu früh gefreut. An der Station Handelskai steige nicht nur ich aus, sondern auch er und natürlich geht er direkt vor mir.
„Geh mir aus dem Weg, oides Hurenkind!“, schreit er einen Touristen an, der es wagt, auf dem Georg-Danzer-Steg stehen zu bleiben, um ein Foto zu machen. Dabei schüttelt er wütend die Faust.
„Ich hasse die Menschen“, brabbelt er und ich muss lachen, weil er mich in diesem Moment so sehr an Gargamel, den Todfeind der Schlümpfe erinnert. „In den Mistkübel sollte man sie alle stopfen!“
Der Wind weht durch seine graue Mähne, während um ihn herum die Vögel zwitschern, die Sonne scheint und sich die Menschen am herrlichen Sommerwetter erfreuen. Das Leben ist gut, nur nicht zu ihm, da ist er ganz sicher.
Er geht durchs Grün, den Fluss entlang und kann doch nicht sehen, wie schön es ist. Würde er es sehen, was tatsächlich ist, sein Hass würde augenblicklich und mit einem lauten Knall verpuffen. Ganz so, als hätte jemand mit einer Nadel in einen Ballon gestochen.
Aber was wäre Georg dann? Einer unter vielen. Gewöhnlich. Bedeutungslos und unsichtbar. Niemand würde ihn beachten.
Aber so vollgefüllt mit seinem Hass und seiner Wut, da sehen sie ihn. Sie müssen ihn sehen! Und wenn sie ihn schon nicht sehen, dann hören sie ihn.
Denn viel schlimmer, als verachtet zu sein, ist das Verblassen des eigenen Selbst.
„Einen schönen Tag noch“, rufe ich ihm zu, als sich an der nächsten Gabelung unsere Wege trennen.
Ein Lächeln kommt über mein Gesicht, als er mir hinterherschreit. Du kannst beruhigt sein, denke ich. Ich habe dich gesehen.


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