Der verlorene Handschuh

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Überall sind sie jetzt zu finden. Wir sehen sie auf Bänken liegend, an Zäunen aufgebahrt und in Bäumen hängend. Einsam und allein, kein Gefährte in Sicht und das, obwohl sie sonst doch nur im Paar anzutreffen sind. Füreinander bestimmt sind sie gewesen, nie hat einer gedacht, dass Leben einmal ohne den andern führen zu müssen. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit hat gereicht. Und da liegt er nun. Achtlos zurückgelassen, leise zu Boden geglitten und davongeschlichen.

Für manch einen besteht Hoffnung. Ist sein Besitzer noch nicht allzu weit fort, kehrt er vielleicht um, um Ausschau zu halten, nach der verlorengegangenen zweiten Hälfte. Je kälter der Wind durch die Gassen pfeift, je mehr eisigweiße Flocken schneien, desto eher wird der Besitzer des Verlusts gewahr. Denn er, der Verlorene, trug einst große Verantwortung. Auserkoren war er zu wärmen die frierende Hand, stets in Gesellschaft seines Zwillingsbruders. Der eine den Daumen rechts, der andere links und doch gleich in ihrem Tun und ihrer Gestalt.

Wie wohl die Hand aussieht, die in ihm steckte? War sie zart und rein? Zum Klavierspiel geboren? Vermochte sie anzupacken? War schwielig und rau? Was mochte der kleine Kerl, der nun dort am Zaune hängt, in seinem Leben schon alles umfasst und getragen haben? Wie viel Schneebälle hatte er schon geformt und mit warmem Punsch gefüllte Häferl gehalten? Würde er noch einmal das Glück haben, zu tragen, zu greifen und zu wärmen oder endet seine Reise dort an diesem Baum?

Wer immer du auch bist, du kannst ihn retten! Wo du ihn siehst, da lass ihn nicht liegen, hebe ihn auf, schau ihn dir an. Richte ihn auf und setze ihn gut sichtbar hin, damit er rasch gefunden wird. Und wenn er dir gefällt, dann steck ihn ein und gib ihm und einem anders aussehenden Bruder ein Heim.

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