Ich habe ein Problem. Das heißt, eigentlich hat die Gesellschaft ein Problem mit mir. Ich bin einer dieser bemitleidenswerten Menschen, denen die Fähigkeit sich selbst zu präsentieren, vollkommen abgeht. Damit bin ich in der heutigen Welt bereits zum Scheitern verurteilt. Denn egal, ob es darum geht, einen Job zu bekommen oder einen Partner zu finden, wer sich nicht selbst darstellt, existiert nicht. Introvertiertheit ist für das gesellschaftliche Leben schlimmer als jeder noch so eklige Hautausschlag. Der Auschlag hat zumindest Heilungschancen, aber wer kann schon seine Persönlichkeit heilen?
Ich lebe in einer Zeit, in der Selbstoptimierung dazugehört und verlangt wird: Zu große Nase? – Weg damit! Übergewichtig? – Abspecken! Seien es optische oder innere Makel, wichtig ist, dass etwas dagegen getan wird, denn alles andere wird als Schwäche ausgelegt.
Logisch also, dass auch ich mein „Problem“ in den Griff bekommen muss und entgegen meines Naturells zu einem extrovertierten Selbstvermarktungsgenie werden muss. Wenn ich das alleine nicht schaffe, ist das gar nicht schlimm. Es hat sich bereits eine eigene Branche etabliert, die es sich zur Aufgabe macht, fehlgeleiteten Menschen wie mir zu helfen und sie zu wettbewerbsfähigen, Selbstpromotern zu machen. Da gibt es Workshops mit klanghaften Titeln wie „Souveräne Selbstdarstellung – so werden sie erfolgreich“ oder „Nutzen Sie Ihre Ellbogen für den beruflichen Aufstieg“.
Natürlich habe auch ich Ellbogen, aber deren primäre Funktion liegt für mich nicht darin, sie am besten noch Stahlkappen-verstärkt gegen andere als Nahkampfwaffe zu nutzen.
Diejenigen unter uns, die sogar für einen Workshop zu verklemmt sind, können sich zuhause erst einmal mit entsprechender Fachliteratur briefen, den passenden Onlinekurs machen oder im Schlaf selbstbewustseinsstärkenden Mantras auf Spotify lauschen.
So und auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt als warmduschendes, in Watte gepacktes nicht lang genug gekochtes Ei bezeichnet werde: Ich mag mich, genauso wie ich bin: Still, nachdenklich, zurückhaltend und ich verspüre nicht den Wunsch, mich zu optimieren. Mir fehlt nichts! Ich bin nicht krank und ich brauche keine Hilfe!
Also bitte, bitte, hört auf, mir einzureden, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt. Ich bin genau richtig, so wie ich bin. Und wer mich übersieht, nur weil ich mich nicht in den Vordergrund dränge, dem entgeht etwas. So einfach ist das!
