Auf Biegen und Brechen

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Die Sonne scheint mir ins Gesicht und ich erfreue mich an der Wärme. Die zarten Strahlen haben für Februar schon viel Kraft. Über mir zieht eine Möwe ihre Kreise und ihr keckes Rufen lässt mich zusammenzucken. Es klingt, als wollte sie mich verspotten.

Wie lange hatte ich dieses Gefühl nicht gehabt? Sonne auf der Haut und Wind im Gesicht. Das unvergleichliche Gefühl frei zu sein.
10 Jahre? 15 Jahre? Oder war es gar noch länger?

Zeit ist das, was als erstes verloren geht, wenn ein Tag dem anderen gleicht. Stets derselbe Trott von morgens früh bis spät am Abend. Die gleichen Bewegungen, die gleichen Menschen, das gleiche Tempo. Alles riecht und schmeckt gleich, es ist kein Platz für irgendetwas, das aus der Reihe fällt. Es ist, als wäre man gefangen in tiefster Dunkelheit, obwohl doch das Licht brennt.

Der Wind weht etwas von der Gischt in mein Gesicht und reißt mich aus meinen Erinnerungen. Wie herrlich! Das Meer! Der algige Geruch steigt mir in die Nase und ich lecke mit der Zunge über meine Lippen, um das Salz zu schmecken.

„Bruno!“, höre ich die Stimme meines Freundes Harry, der mir in all den Jahren ein Bruder geworden ist. „Was stehst du da rum wie eine Salzsäule? Du weißt doch, wie die Anweisung lautet: Bis zum Morgengrauen sollen wir uns verborgen halten! Mach‘ uns das nicht kaputt!“

Stumm nicke ich, gehe zurück in die gebeugte Haltung, in der wir seit einer gefühlten Ewigkeit verharren und krieche zu Harry hinter die kleine Böschung, die direkt am Fuß der Düne liegt.

„Mir klebt der Sand schon in jeder Ritze“, beschwert er sich flüsternd. „Und trotzdem kann ich mir gerade kaum etwas Schöneres vorstellen.“

„Geht mir genauso“, kichere ich und für einen kurzen Moment fällt die Last der letzten Jahre von uns ab. All die Entbehrungen, die Verletzungen, die Kämpfe, die Wut. All das verblasst im Angesicht dieses unschuldigen Lachens. Und dabei ist Unschuld wohl das Letzte Wort, mit dem man uns beide beschreiben würde.

„Was wirst du als Erstes machen, wenn wir drüben sind?“ Fragend schaut mich Harry an und ich unterdrücke das genervte Schnauben, das in mir aufsteigt. Wie viele Male schon, haben wir von unseren Träumen gesprochen, von den Dingen, die wir tun würden, wenn wir unser altes Leben hinter uns gelassen hätten? Vielleicht war das das Einzige, was uns davon abgehalten hatte, wahnsinnig zu werden.

„Als Erstes trinke ich ein Glas Wein, rauche eine Zigarre und suche mir das schönste Mädchen im Ort, um die Nacht mit ihr zu verbringen“, erzähle ich, weil ich weiß, wie viel es Harry bedeutet.

„Und was machst du dann mit ihr?“, kichert er, als wären wir zwei heranwachsende Jungs, die nichts anderes als Mädchen im Kopf haben. Jeder von uns hat in den langen Jahren etwas anderes vermisst. Ich den Wind und die Sonne, Harry eindeutig die körperlichen Vorzüge von weiblicher Gesellschaft.

„Ich würde einfach nur neben ihr liegen“, fahre ich fort. „Den Kopf auf ihrem Busen, ihrem Herzschlag lauschen und dann ohne Angst einschlafen.“

„Klingt schön“, seufzt Harry. „Und was würdest du dann …“ beginnt er, wird aber plötzlich vom ohrenbetäubenden Ton einer Sirene unterbrochen.

„Verdammt, was war das?“ Seine Stimme klingt schrill vor Panik, weil er die Antwort auf die Frage bereits kennt. Aus schreckgeweiteten Augen starrt er mich einen Moment an, ehe sich schiere Entschlossenheit in seinen Blick legt. „Ich schaffe, das nicht, Bruno, ich kann das dort nicht eine einzige Stunde länger ertragen!“

Er springt auf und läuft los, ohne dass ich den Hauch einer Chance habe zu reagieren. „Harry, du Trottel, warte!“, schreie ich, aber es ist zu spät. Sie haben ihn entdeckt und der Knall, der ertönt, lässt meine größte Angst Wirklichkeit werden.

Ich schaue zu meinem Freund, meinem kleinen Bruder, dem einzigen Menschen, dem ich jemals vertraut habe und begreife kaum, was ich sehe. Mitten im Lauf hält er plötzlich inne und die Zeit scheint kurz still zu stehen, ehe er wie ein Stein zu Boden fällt.

Der drohenden Gefahr zum Trotz, die auf mich wartet, mache ich einen Satz und schon knie ich neben ihm. „Harry, steh auf!“, rufe ich und schüttele ihn, aber ich weiß, dass es zu spät ist.

„Bruno“, krächzt er mit leiser werdender Stimme. „Weißt du noch, was wir uns geschworen haben?“

„Auf Biegen und Brechen kommen wir hier raus“, flüstere ich tonlos. „Koste es, was es wolle.“

In wie vielen Nächten haben wir diesen Satz wie ein Mantra in unseren Gedanken gesprochen? Wie oft haben diese Worte uns durchhalten lassen? Sollte das nun alles umsonst gewesen sein? „Harry“, wiederhole ich hilflos, während ich spüre, wie die warme rote Flüssigkeit über meine Arme fließt, mit denen ich ihn umschlungen halte.

„Hau schon ab, Großer!“, fordert er mich auf. „Du … du… kannst es noch schaffen … Geh und finde das Mädchen … Versprich es!“ Seine Stimme ist kaum mehr als ein heißeres Flüstern und ich ziehe ihn noch näher an mich heran, damit ich jedes Wort verstehe. Die ersten Tränen seit einer halben Ewigkeit laufen mir die Wangen herab. Der Knast ist kein Ort, an dem man sich Sanftheit leisten kann.

„Du darfst aber nicht nur schlafen“, flüstert Harry und zum letzten Mal sehe ich das lausbubenhafte Grinsen, dass er selbst in den härtesten Zeiten nie verloren hat. „Du musst es ihr auch richtig besorgen …“ Und dann, mit einem leisen Seufzer, richtet sich sein Blick starr nach oben und ich weiß, dass ich alleine bin.

„Ich verspreche es dir, kleiner Bruder“, antworte ich. „Du kannst dir sicher sein, dass ich es schaffe!“

Mit einem wütenden Schrei reiße ich mich von Harrys Leiche los und werfe mich in die Fluten. Mich bekommt ihr nicht!

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