Manchmal begegnen uns Menschen, die wir nur kurz sehen und dennoch hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck. Wir wissen nichts über sie, führen kein Gespräch mit ihnen, und Wochen später kommen sie uns plötzlich wieder in den Sinn. Wir fragen uns, was sie jetzt gerade tun, wo sie wohnen und wie ihr Leben aussieht.
Irgendwas an ihnen, an unserer Begegnung, so kurz und beiläufig sie auch gewesen sein mag, hat uns berührt. Vielleicht kennen wir diesen Menschen aus einem anderen Leben, unsere Energien sind verschmolzen oder eine Erinnerung wurde geweckt.
Ging es ihnen genauso? Haben sie uns auch wahrgenommen oder war es ein einseitiges Erkennen, Wahrnehmen und nicht vergessen können? Hat der andere uns überhaupt gesehen oder sind wir nur einer von zahlreichen Menschen, an denen wir tagtäglich vorbeigehen? Wir sehen sie im Augenblick und nehmen doch nicht wahr. Sie sind da und doch sind sie es nicht.
Wir wissen nicht, ob der andere uns so gespürt und so entdeckt hat, wie wir ihn und werden es wohl nie herausfinden. So gut wie keinem von ihnen begegnen wir nämlich ein zweites Mal. Es waren kurze, flüchtige Momente, in denen wir oft nicht mal ein Wort gewechselt haben. Und doch war da etwas, das uns dazu bringt, uns an sie zu erinnern.
Zwei Begegnungen, an die ich mich erinnerte und die mich dazu gebracht haben, diese Zeilen zu schreiben, möchte ich mit dir teilen.
Die erste liegt ein gutes Jahr zurück. Ich würde die Frau nicht wiedererkennen, wenn sie mir begegnete und dennoch denke ich an sie. Ist allein das nicht schon ein Phänomen? Wie viele Menschen berühren wir in unserem Leben? Geben Impulse, Inspiration und regen zum Denken an? Einfach nur durch unser Sein. Wir müssen nichts dafür tun, uns nicht anstrengen, nicht bemühen, unsere reine Existenz reicht aus.
Aber zurück zu meiner Begegnung. Es war in Montenegro an der Uferpromenade von Dobrota. Mir fiel eine Frau auf, die einen Hund pflegte, der in einem erbärmlichen Zustand war. Die Hinterläufe lahm, sein Fell zerrupft, stumpf und voller kahler Stellen. Die Augen schon trüb, wirkte er auf mich wie der Methusalem unter den Hunden. Fast hatte ich den Eindruck, er selbst wollte sich schon vom Leben verabschieden, wusste aber, welch Schmerz es der Frau bereiten würde und hielt ihr zuliebe durch. Sie hob ihn an der Hüfte in die Höhe, damit er mit den Vorderläufen gehen konnte. Wäre der Hund nicht so ein trauriger Anblick gewesen, sie hätte ausgesehen wie zwei Kinder, die Schubkarre spielen. So ging sie mit ihm die Promenade entlang und der Anblick hat mich lange beschäftigt. Hat er mich gerührt, weil ich diese große Geste der Menschlichkeit und der Liebe für das Tier gesehen habe? Oder hat es mich abgestoßen, weil es Egoismus war, der ihr nicht erlaubte, den Hund gehen zu lassen? Ich weiß es nicht, aber wer bin ich auch, über sie zu urteilen? So oder so, ich denke noch oft an sie. Frage mich, ob es ein Wunder gab und der Hund wieder durch die Gegend springt oder ob sie verzweifelt ist, als seine Kraft dann doch nachließ und er von ihr ging.
Die zweite Begegnung, an die ich oft denken muss, liegt nicht lange zurück. In Dubai am Strand sind sie mir begegnet. Einen kurzen Moment nur habe ich sie gesehen und ihnen nachgeblickt, bis sie in der Menge der anderen Strandbesucher verschwunden sind. Ein älteres Paar um die achtzig. Da gingen sie Hand in Hand und voller Energie. Schlohweiße Haare, seines länger als ihres und aus jeder Faser sprach ihre Liebe zueinander und für das Leben. Die knittrigen Körper braungebrannt und mit einem Selbstverständnis, das erst mit dem Alter zu kommen scheint. Ob sie schon ihr ganzes Leben miteinander verbracht haben oder durchleben sie gerade ihren zweiten Frühling? So oder so, sie haben mir ohne es zu wissen, Hoffnung gegeben. Hoffnung, dass es nie zu spät ist, seinen Deckel zu finden und dafür möchte ich ihnen Danke sagen.
Auf die kleinen und großen Begegnungen in unserem Leben, die so viel mehr bewirken können, als uns bewusst ist.
