Es gibt Orte, die sind so oberflächlich, dass sie in ihrer Künstlichkeit schon wieder authentisch sind. Dubai ist so ein Ort. Alles ist darauf ausgelegt, zu glitzern und zu glänzen. Erfolg, Reichtum, gutes Aussehen und Jugendlichkeit spielen eine wichtige Rolle. Ehrgeiz treibt die Menschen an.
Ich frage mich unweigerlich, wann und ob die Menschheit jemals damit aufhören wird, das goldene Kalb anzubeten. Im Lauf der Jahrtausende ist aus dem kleinen Jungvieh mittlerweile schon ein recht ausgewachsener Bulle geworden.
Nichts scheint unmöglich und alles ist darauf ausgerichtet, nur das eine noch größere Ding zu schaffen, das das bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Das größte Gebäude der Welt? Ist noch nicht genug! Direkt wird mit der Planung des nächsten begonnen, das das bisherige um einige Meter überragen soll. In der Wüste fällt kein Schnee? Das lässt sich ändern. Ein trockenes weites Land voller Sand und doch entstehen fruchtbare Oasen mit Wasserläufen, in den sich exotische Vogelschwärme sammeln.
Liegt hier vielleicht die wahre Schöpferkraft verborgen, die sich dadurch zeigt, dass ihr nichts zu groß und zu ehrgeizig ist, als dass es zu erreichen wäre? Zeigt sich das menschliche Potential, indem es die Wüste zum Erblühen bringt und Inseln entstehen lässt, wo vorher nur Wasser war?
Hat nicht jede Kultur und jede Stadt, durch die wir heute schlendern, und deren Geschichte wir staunend betrachten, genauso einmal angefangen? Weil Menschen Visionen hatten und sich nicht von der Umsetzung dieser abbringen ließen? War das Errichten eines Palasts wie Schönbrunn oder dem Stephansdom gemessen an den damaligen Möglichkeiten nicht ebenfalls genauso ein an Verrücktheit grenzendes Meisterstück? War die Opulenz des Barocks nicht genauso ein Zeichen von Prunk und Dekadenz, wie es auch heute noch das Tragen von teuren Uhren und Designerkleidung ist? Die vergoldete Kutsche ersetzt durch den Ferrari? Der Palast ist geblieben, nur höher, gläserner und schnörkelloser wird er heute gebaut.
Die Möglichkeiten haben sich geändert, aber der Mensch ist immer noch derselbe. Es gibt ein paar wenige Auserwählte, die von allen beneidet werden und jeder träumt davon, einmal zu diesem Kreis der vermeintlich Glücklichen zu gehören.
Und trotz der Negativität meiner Schilderung, fällt mir sehr wohl die moderne Goldgräberstimmung auf, die hier herrscht. Alles scheint möglich und Glücksritter aus aller Welt machen sich auf den Weg hierher. Alle eint die Hoffnung, es eines Tages geschafft zu haben und bei den Großen und Erfolgreichen mitspielen zu können. So muss es vor einigen Jahrzehnten gewesen sein, als sich zahlreiche europäische Auswanderer auf den Weg ins gelobte Land machten. Ging es damals nach Westen, nach Amerika, geht es heute in die entgegengesetzte Richtung und die Emirate sind das Ziel der Träume.
Die Welt und wir mit ihr, stehen eben nie still. Alles ist dem permanenten Wandel unterworfen. Das, was heute sicher geglaubt, kann morgen schon zerfallen sein. Das Rad der Fortuna dreht sich unaufhörlich, mal geht es nach oben, mal nach unten.
Vielleicht ist Dubai eine Utopie. Utopien eint, dass sie eine ideale Welt erschaffen wollen und genau daran scheitern. Ein Ort, an dem verschiedene Kulturen in Harmonie zusammenleben, es nahezu keine Kriminalität gibt und jeder Mensch etwas erreichen kann, solange er sich nur bemüht und anstrengt. Ein schöner Traum ist es auf jeden Fall. Ob er irgendwann einmal wahr werden wird? Dubai ist nah dran, so scheint es mir.
Und doch sind wir das Risiko. So oft schon hätten wir Menschen das Paradies haben können und doch entscheiden wir uns jedes Mal aufs Neue wieder dagegen. Warum also sollte es hier anders sein?
