Je mehr Beweise es für unsere Existenz gibt, desto weniger scheinen wir zu existieren. Klingt eigenartig, oder? Und dennoch scheint es mir, je mehr ich darüber nachdenke, genauso zu sein.
Ich stelle mir oft die Frage, wie das Leben vor 50, 100 oder auch 1.000 Jahren ausgesehen haben mag, wenn ich durch die Stadt oder den Wald spaziere. Welchen Gedanken hingen die Menschen hinterher, was nahm Platz in ihrem Leben ein. Ging vielleicht genau hier, wo ich jetzt gerade gehe, eine Frau, die genauso dachte?
Und manches Mal, wenn ich unterwegs bin, dann sehe ich sie. Diejenigen, die alles nur noch durch eine Linse sehen. Die ihr Essen nicht mehr schmecken, die Musik nicht mehr hören und das Leben vielleicht nicht mehr fühlen.
Sie halten das, was sie tun, beständig fest, als wollten sie jedes einzelne Erlebnis konservieren. Es einfrieren, haltbar machen, laminieren und irgendwann später konsumieren. Aber wie soll das gehen? Wollen Erlebnisse nicht erlebt werden? Sind sie nicht flüchtige Augenblicke, derer wir nicht habhaft werden können, egal, wie sehr wir uns bemühen?
Ein Eis, das ich auf auf einer Piazza in Rom genossen habe, kann ich nicht zuhause in meinem Wohnzimmer nachholen. Es ist geschmolzen, zerflossen und für immer fort. Zwar mag ich mich erinnern an diesen kostbaren Moment, aber so sehr ich mich bemühe, eine bloße Erinnerung wird nie nach Zitrone schmecken. Sie wärmt nicht mein Gesicht, wie es Sonnenstrahlen können und trägt nicht das aufgeregte Vibrieren herumeilender Menschenmengen in sich.
Nehme ich mir nicht selbst das Erleben, wenn ich eine Linse zwischen mich und den Moment stelle? Ein Filter, der das Echte heraussaugt? Vergessen wir nicht zu existieren, weil wir so davon besessen sind, unsere Existenz zu beweisen?
Ich stelle dir also eine Frage: Willst du leben oder dich erinnern?
