In Oscar Wildes Werk Das Bildnis des Dorian Gray wird dem gleichnamigen Protagonisten sein Wunsch erfüllt, nicht zu altern. Er entflieht dem körperlichen Verfall, da anstatt seiner selbst ein Portrait von ihm altert.
Doch jedes Mal, wenn er einen Blick darauf wirft, zeigen sich in dem Bild nicht nur die Zeichen der Zeit, sondern auch die seelischen Abgründe und die Hässlichkeit seines Seins. Dorian verfällt immer mehr dem Wahnsinn und erst als er nach einigen Jahren den Mut findet, das Portrait zu zerstören, findet er Frieden in seinem damit einhergehenden Tod.
Das Gemälde dagegen, es zeigt nun wieder den schönen Jüngling.
Wilde schrieb den Roman vor über hundert Jahren und doch scheint er mir heute aktueller als zuvor. Lediglich mit einem kleinen Unterschied: Heute sind es nicht unsere Portraits, die ewig jung bleiben, es sind wir selbst in einer von uns selbst erschaffenen fiktiven Welt.
Wir zaubern uns mit Filtern unsere jugendliche Schönheit zurück, lassen jede noch so kleine Falte hinter einer glänzendpolierten Fassade verschwimmen und merken dabei nicht, dass wir nur noch ein farbloses Bild von uns sind.
Lest das Buch, möchte ich rufen. Lest und versteht das Drama des Dorian Grey. Es sind nicht die Zeichen der Zeit, die uns hässlich machen. Es ist das, was wir tun. Jede Falte, jedes graue Haar erzählt eine Geschichte. Ein Gesicht ohne Mimik kann von nichts berichten. Es ist seelenlos und leer, denn es hat nie gelebt.
Es ist das Bildnis des Dorian Gray in Bits und Bytes auf TikTok hochgeladen.
