Menschen strömen durch die Stadt. Alles glänzt und glitzert. Ein wenig fühlt es sich so an, als wäre ganz Wien unter einer dicken Matte aus klebrig süßer Zuckerwatte versteckt.
Jeder noch so verborgene Winkel ist erfüllt vom Weihnachtsduft. Es mischen sich die süßen Aromen von Punsch, Kipferln und frischen Maroni mit der salzig würzigen Note der Würstlstände.
Unvergleichlich ist einerseits die Liebe zum Detail, der Geist der Weihnacht, das Fest der Liebe und des Lichts. Andererseits droht akute Erstickungsgefahr. Die rosig, goldene Süße fängt uns Fliegen gleich in einer klebrigen Falle, aus der es kein Entkommen gibt.
Menschenmassen schieben sich durch die innere Stadt, stehen Schlange an den bekannten Kaffeehäusern und legen sogar den Straßenverkehr lahm, um das bestmögliche Foto für Instagram zu erhalten.
Viele der Gesichter sind dabei ausdruckslos und leer. Versteckt hinter einer perfekten Maske aus Make-up. Das bewusst gesetzte, pudrige Schimmern auf den Wangen strahlt stärker, als die teils leblos anmutenden Augen.
Das Selbstbewusstsein aufgewertet durch die mit unübersehbaren Markenlogos bedruckten und bestickten Kleidungsstücke. Gekrönt von der wie eine Trophäe präsentierte Einkaufstasche von Moncler, Gucci, Louis Vuitton und Co.
Dabei ähneln sie einander oftmals so sehr, dass es schwerfällt, sie zu unterscheiden. Das gleiche Gewand, die gleichen Frisuren, die gleichen Gesichter.
Nehmen sie die Stadt überhaupt wahr? Sehen sie die bezaubernd verspielte Architektur, die aus einer Zeit stammt, als der Sinn für Schönheit beim Wohnen noch wichtiger war als die reine Funktionalität? Oder ermitteln sie den Wert dieser Kulisse nur anhand von Likes, die sie dafür auf Social Media bekommen? Und wie unique kann selbst das schönste Motiv noch sein, wenn es einem doch alle gleich tun?
Spüren sie den Geist längst vergangener Literaten, Philosophen und Künstler, die sich hier trafen? Epochen prägten, unvergessliche Kunstwerke erschufen und die Gesellschaft oft positiv beeinflussten?
Was sind ihre Träume, ihre Sorgen? Für was brennt ihr Herz und vor was fürchten sie sich so sehr, dass sie sich hinter dieser glatt-polierten Fassade verstecken?
Der Sinn der Wort geht verloren. Sie sprechen, reden, lachen, aber selbst das bleibt leer. Leidenschaftliche Liebesschwüre in Gedichtform gebannt, sind den quietschend gelben runden Gesichtern gewichen, die unsere Gefühle komödiengleich entwerten. Gebrochene Herzen erscheinen in Displays, nicht mehr im wahren Leben.
Wo ist er hin, der Geist der Weihnacht? Das Gefühl, voll und ganz Mensch zu sein? Mit allem verbunden, voll Dankbarkeit für diese schöne Zeit?
Doch hier und da ein Hoffnungsschimmer: Ein kleines Mädchen steht still, ganz gebannt vom Anblick der zwei dunkelbraunen Rösser, die den Fiaker ziehen. Der Glanz in ihren Augen, als die zwei mit lautem Hufgeklapper an ihr vorbeitraben. Durch die Nüstern dampfend den Atmen ausstoßen, der in der kalten Luft zu tanzenden kleinen Wölkchen gefriert. Tief atmet sie den erdigen Geruch der Tiere ein. Ehrlich ist er, aufrichtig und rein. Er gibt nicht vor, etwas anderes zu sein.
Und dort drüben direkt an der Pestsäule geht ein junger Mann zu einem der dort lagernden Obdachlosen. In der Hand eine Häferl mit Punsch und einen kleinen Kauknochen für den Hund. Bückt sich hinunter, überreicht den kostbaren Schatz. Plötzlich ist er wieder da, der Weihnachtszauber. Er ist nicht fort. Er hat sich nur verborgen. Unter dem dicken Zuckerwattenebel schlummert er und wartet, dass er von uns geweckt wird.
