Gerade als ich es mir auf meinem abgenutzten und schon deutlich in die Jahre gekommenen Sofa gemütlich gemacht habe, klopft es lautstark an meiner Wohnungstür. Schon an der Art des Klopfens erkenne ich, dass es sich keineswegs um niedliche Pfadfinder handelt, die mir Kekse verkaufen wollen. Genervt schäle ich mich aus der dicken Wolldecke, in die ich mich so kunstvoll eingewickelt habe.
„Miss Gardener, machen Sie die Tür auf! Ich weiß, dass Sie da sind!“
Oh, nein. Schlimmer hätte es nun wirklich nicht kommen können. Das hört sich ganz nach meinem Vermieter an. Schnell schlüpfe ich in meine Hausschuhe und eile zur Tür. „Einen Moment, Mr. Smith“, flöte ich und mache mich daran, die diversen Sicherheitsschlösser an der Wohnungstür zu entriegeln. Schließlich wohne ich in New York City und auch wenn Hell’s Kitchen nicht annähernd so ein heißes Pflaster ist, wie der Name vermuten lässt, ist ein Schloss zu viel immer noch besser, als eines zu wenig. Endlich habe ich die Tür entriegelt und blicke in das vor Wut rot angelaufene Gesicht meines Vermieters.
„Hallo, Mr. Smith.“
Statt einer Antwort wedelt er mit einem Blatt Papier vor meiner Nase herum. „Wissen Sie, was das ist?“, keift er und angeekelt wende ich das Gesicht ab. Zähneputzen ist offensichtlich nicht jedermanns Sache.
„Das ist die dritte Mahnung!“, beantwortet er seine Frage selbst und unwillkürlich zucke ich zusammen. So ein Mist. Ich dachte wirklich, ich hätte zumindest noch eine klein bisschen Spielraum, bis ihm das auffällt.
„Ja, nun, also … das war eine ganz blöde Sache, wissen Sie …“, stottere ich hilflos. „Letzten Monat war ich so kurz davor eine Rolle in einem neuen Broadway Musical zu bekommen. Die hatten mir schon fest zugesagt und dann …“
„Sehe ich aus, als würde mich das interessieren?“, brüllt mich Mr. Smith unvermittelt an und überzieht mich dabei mit einem feuchten Nebel aus Spucketröpfchen.
„Nein“, erwidere ich kleinlaut.
„Entweder Sie bezahlen innerhalb der nächsten Woche oder Sie fliegen raus!“
Entsetzt schaue ich ihn an. „Aber in zwei Wochen ist doch Weihnachten“, unternehme ich einen Versuch ihn umzustimmen. Seien wir ehrlich: Natürlich ist es nicht richtig, dass ich ihm meine Miete schuldig geblieben bin, aber ich bin einfach restlos pleite. Ich hatte so fest mit der Rolle gerechnet, dass ich in einem Anfall von Größenwahn meinen Job in ‚Ernie’s Diner‘ gekündigt habe und auf einmal stand ich da – ohne Musicalrolle und ohne Kellnerjob. Wer hätte denn auch ahnen können, dass der Bühnenregisseur sich im letzten Moment für eine andere entscheidet? Aber auch wenn das dumm von mir war, es kann doch niemand so herzlos sein und eine junge Frau kurz vor dem Fest der Liebe auf die Straße setzen, oder?
„Und wenn gestern Ihre Großmutter gestorben wäre“, faucht der kleine Mann mich an und stampft wütend mit dem Fuß auf. „Es ist mir egal. Entweder ich habe in einer Woche mein Geld oder Sie packen Ihre Sachen!“
Zwar glaube ich nicht an Märchen, aber so wie er da vor mir steht, könnte er glatt die Reinkarnation von dem fiesen Ebenezer Scrooge sein. Ich kämpfe mit den Tränen und alles, was mir einfällt, ist die Flucht nach vorne anzutreten: „Wofür soll ich Ihnen überhaupt so viel Miete zahlen?“, schimpfe ich. Es ist so kalt, dass sich Eisblumen an den Fenstern bilden, im Sommer habe ich Kakerlaken in der Wohnung und an drei Stellen ist das Dach undicht! Und dafür soll ich Ihnen jeden Monat 400 Dollar zahlen? Sie … Sie … Halsabschneider!“
Irritiert schaut mich der kleine Mann an und streicht sich verlegen durchs lichte Haar. Offensichtlich hat er nicht mit meiner Reaktion gerechnet. Ich schöpfe neue Hoffnung. Vielleicht habe ich ja Glück und er lässt doch noch mit sich reden. Ich finde schon wieder einen Job und spätestens in ein paar Wochen bekommt er sein Geld, aber so kurz vor Weihnachten ist es einfach unmöglich, in der Stadt irgendeine Gelegenheit zum Geldverdienen zu finden.
„So sehen Sie das also“, murmelt Mr. Smith und zieht sich seinen edlen Kaschmirmantel etwas fester um die Schultern. Böse grinst er mich an und in diesem Moment weiß ich, dass ich verloren habe. „Nun, dann darf ich wohl annehmen, dass Sie keinerlei Interesse daran haben, unsere geschäftliche Beziehung fortzusetzen und betrachte unseren Mitvertrag damit als aufgehoben. Bis Ende nächster Woche haben Sie die Wohnung dann bitte geräumt.“
Fassungslos starre ich meinen Vermieter an. Das kann doch nicht sein ernst sein.
„Die drei ausstehenden Mieten erwarte ich bis dahin natürlich trotzdem. Wir wollen doch nicht den Gerichtsvollzieher bemühen, nicht wahr? Auf Widersehen, Miss Gardener.“ Grüßend hebt er die Hand und macht auf dem Absatz kehrt.
Wie angewurzelt stehe ich vor meiner Wohnungstür und blicke dem Fiesling hinterher. Ist das gerade wirklich passiert? Hat er mich tatsächlich aus meiner Wohnung geschmissen?
Vor dem Aufzug bleibt er stehen und dreht sich noch einmal zu mir um. „Ach eines noch.
„Hm?“ Fragend sehe ich ihn an und erneut hoffe ich auf ein kleines Wunder.
„Frohe Weihnachten, Miss Gardener.“ Spöttisch zwinkert er mir zu und verschwindet im Aufzug.
