Baba Ghanoush oder Eine Reise vom Sofa

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Manchmal sind die unspektakulärsten Erlebnisse die, die am längsten in Erinnerung bleiben. So erinnere ich mich gerne an einen tristen, verregneten Novembertag. Eingekuschelt in eine schwere Wolldecke saß ich auf meinem Sofa. Eine Tasse dampfender Pfefferminztee stand vor mir und ich blätterte in einem meiner zahlreichen Kochbücher. An diesem Tag machte ich Bekanntschaft mit einem Essen, das mir mittlerweile so vertraut ist wie ein guter Freund. Ein Freund, der es dennoch versteht, einen selbst nach Jahren immer wieder aufs Neue zu überraschen. Ich entdeckte ein Gericht, dessen Name mich schon beim Lesen an orientalische und märchenhafte Orte führte: Baba Ghanoush.

Es liegt ein Zauber in seinem Klang. Der Ruf nach fernen Ländern, fremden Sprachen und neuen Eindrücken. Der Blick fällt auf den alten Globus, schweift über die Namen der Destinationen, die Abenteuer und Aufregung versprechen. Unweigerlich werden Verstand, Fantasie und Seele auf eine Reise geschickt: Riechst du bereits die fremdländischen Gewürze des Basars in Tunis? Schmeckst du Safran, Zimt, Koriander und Kreuzkümmel? Siehst du die prächtige, farbige Formenvielfalt der Blauen Moschee in Istanbul und hörst du das laute, angeregte Geschnatter verschleierter libanesischer Frauen, die am Brunnen Wasser holen? Und das alles nur beim Klang eines Namens.

Gespannt studierte ich die Zutaten des mir bis dahin noch unvertrauten Gerichtes. Den im Geist bereits gebuchten Flug in den Orient stornierte ich, als ich feststellte, dass ein Gang in meine Küche ausreichen würde, um Baba Ghanoush zuzubereiten. Die Hauptingredienz fand ich wie erwartet im Gemüsefach meines Kühlschranks: Zwei mittelgroße, schwarzblau schimmernde Auberginen.

Mit einer Gabel mehrfach eingestochen, damit die Wärme die feste Schale auch gut durchdringt, werden die Nachtschattengewächse bei etwa 200 Grad im Ofen gegart.

Solange die Auberginen vor sich hin brutzeln, wird sich der anderen Zutaten angenommen: Drei bis vier Esslöffel der arabischen Sesampaste Tahin in einer Schüssel zusammen mit etwa vier Esslöffeln Olivenöl vermischen und nach Belieben noch die gleiche Menge an Naturjoghurt (wahlweise natürlich auch gerne Soja-, Cashew- oder Haferjoghurt) hinzugeben und zu einer cremigen Masse verrühren.

Den Abrieb und den Saft einer Bio-Zitrone hinzugeben und schon kommt der Teil, der zweifellos die meiste Freude bereitet: Zwei Knoblauchzehen, ein Teelöffel Kreuzkümmel, grobes Meersalz, etwas Pfeffer, eine kleine getrocknete Chilischote, eine Prise Zimt und Kurkuma werden in einem Mörser zerstoßen und unter die Tahinimasse gegeben.

So unscheinbar es sich liest, der Duft des zerdrückten Knoblauchs gemeinsam mit der Frische der Zitrone, dem herb, würzigen Aroma des Kreuzkümmels und der Wärme des Zimts, weckt schon jetzt Vorfreude auf das fertige Mahl.

Mittlerweile ist die Aubergine im Ofen gar geworden. Ihre dunkle Schale leicht gekräuselt und zusammengezogen. Wer keine geübten Heißgetränke-Halte-Hände hat, lässt sie kurz abkühlen, halbiert sie und schabt mit einem Löffel das durchs Garen butterweich gewordene Fruchtfleisch heraus. Leicht mit einer Gabel zerdrücken, in einem Sieb abtropfen lassen und mit der Tahini-Gewürz-Masse vermengen. Schon beim Rühren fällt die wunderbar weiche, saftige und buttrige Konsistenz auf.

Im letzten Schritt werden die Blätter von einem Zweig Minze und zwei Stängel krause Petersilie gehackt und unter die Auberginenmasse gegeben. Fertig ist das Baba Ganoush!

Der erste Löffel, den ich probierte, lies die verschiedenen Aromen auf meiner Zunge tanzen und entfachte ein Feuerwerk des Geschmacks. Die Süße der Aubergine, die scharfe Note der Chili, die belebende Frische der Minze, der rauchig-würzige Kreuzkümmel, das pfeffrige Olivenöl und der vertraute, das Gemüt erwärmende Zimt – allesamt eingebettet in die sie sanft umschließende Geschmacksnote des Sesams.

Als Aufstrich zu einem noch warmen Fladenbrot, als Dip zu frisch gebackenen Falafel oder einfach pur genossen, schickt Baba Ghanoush einen für einen kurzen Moment an die Seite von Scheherazade. Lauschen wir ihr, wie sie dem Sultan eine Geschichte erzählt. Von Alibaba und den 40 Räubern, Sindbad und seinen abenteuerlichen Reisen, Aladin und dem Geist aus der Lampe. Vielleicht war sie es auch, die diesem einfachen und dabei umso köstlicherem Gericht seinen Namen gab. Wer weiß schon, ob sie dem Sultan nicht eines Nachts von dem Vater erzählte, der nicht satt und zufrieden zu bekommen war, bis eine seiner Frauen ihm dieses Essen zubereitete und es nach ihm benannte: Baba Ghanoush, der verwöhnte Papa.

Aber ganz egal, wer es zuerst kochte und wer es letztendlich mit seinem Namen versah, es lohnt sich, es einmal selbst zuzubereiten und sich von ihm für einen kurzen Augenblick an die zauberhaften Orte entführen zu lassen, an denen es seinen Ursprung haben könnte.

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